• vom 27.05.2017, 11:00 Uhr

Unterwegs


Lastenrad

"Die Zeitersparnis ist unschlagbar"




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Von Eva Zelechowski

  • Der Samariterbund liefert "Essen auf Rädern" via Lastenrad aus. Nach einem Jahr ist das Fazit durchwegs positiv.

Ein Drittel des "Essens auf Rädern" aus  dem Samariterbund kommt mit dem Lastenrad. Dafür genug radelndes Personal zu finden ist die größte Herausforderung.  - © Stanislav Jenis

Ein Drittel des "Essens auf Rädern" aus  dem Samariterbund kommt mit dem Lastenrad. Dafür genug radelndes Personal zu finden ist die größte Herausforderung.  © Stanislav Jenis

Sabahudin Budnjo (mitte), Abteilungsleiter der Menü Services beim Samariterbund, bespricht sich mit seinem Team.

Sabahudin Budnjo (mitte), Abteilungsleiter der Menü Services beim Samariterbund, bespricht sich mit seinem Team.© Stanislav Jenis Sabahudin Budnjo (mitte), Abteilungsleiter der Menü Services beim Samariterbund, bespricht sich mit seinem Team.© Stanislav Jenis

Wien. Radeln bei Kälte geht ja noch, aber im Regen? Die meisten Radfahrer steigen bei Schnee und Regen auf öffentliche Verkehrsmittel um. Für die acht Mitarbeiter, die für den Samariterbund mit dem Lastenrad Essen ausliefern, gibt es kein "heute nicht".

Um acht Uhr morgens ist Treffpunkt, egal bei welchem Wetter. Der Zeitdruck ist hoch: In dreieinhalb Stunden müssen 1.200 Personen ein warmes Essen auf dem Tisch haben. Ein ordentliches Fitnessprogramm. Fast 25 Kilometer strampeln die Männer täglich ab und ziehen dabei 45 Kilogramm für das Cargo-Bike plus zusätzlich 25 Kilogramm für die Mahlzeiten. Sabahudin Budnjo, Leiter der Menü Services beim Samariterbund, war maßgeblich am Aufbau des Pilotprojekts beteiligt. Im Interview erzählt er von den Herausforderungen und den Killer-Argumenten eines Cargo-Bike-Fuhrparks.

Wiener Zeitung:Sie haben im vergangenen Jahr im Service "Essen auf Rädern" ein Novum eingeführt. Ausgeliefert wird zum Teil jetzt mit Lastenrädern. Wie ist es dazu gekommen?

Sabahudin Budnjo: Im Februar 2016 startete das Pilotprojekt mit dem ersten Lastenrad. Wir haben lange überlegt, wie das Belieferungsproblem in der Innenstadt gelöst werden kann. Wir haben hier verhältnismäßig wenig Kunden und die Lieferungen sind zeitaufwändig. Zum Vergleich: In einem anderen Bezirk liefert ein Fahrer in der gleichen Zeit fast die doppelte Anzahl an Essen aus. Dann kam uns die Idee mit den Cargo-Bikes. Gemeinsam mit der Firma Heavy Pedals haben wir ein Lastenrad entwickelt, das auf unsere Bedürfnisse zugeschnitten ist, denn die Ladefläche muss mindestens 40 Essensrationen fassen könnten.

Die Autos liefern ungefähr die gleiche Menge?

Ja, wir haben kleine Fahrzeuge im Einsatz, diese eignen sich für die Zustellung im Stadtverkehr besser und fassen etwa 40 bis 50 Mahlzeiten. Durch das relativ kleine Lieferzeitfenster sind mehrere kleine Fahrzeuge wesentlich effektiver als, sagen wir, ein Kleinlaster.

Wie ist die Aufteilung im Fuhrpark genau?

Der Samariterbund besitzt 13 Pkws, die restlichen sind Privatautos der Zusteller. Hinzu kommen neun Lastenräder, eines davon als Reserverad. Insgesamt sind täglich 40 Touren zu fahren. In den ersten Monaten vergangenes Jahr waren zunächst nur zwei Räder im Einsatz, da sie speziell für uns angefertigt werden und die Produktion gedauert hat. Das Ziel war, alle, bis auf das Reserverad, bis März 2017 für die tägliche Zustellung zu nutzen. Das haben wir erreicht.

Wie ist Ihr Fazit nach einem Jahr?

Nach ein paar Monaten hat sich das Lastenrad im ersten Bezirk als sehr effektiv herausgestellt: Schneller, günstiger und keine Parkplatzsuche. Besonders die Zeitersparnis ist unschlagbar. Das Lastenrad beliefert zehn Adressen mehr in kürzerer Zeit. Die Anschaffung weiterer Bikes stand nach kurzer Zeit fest. Da die Finanzierung mit etwa 5.000 Euro pro Fahrrad teuer ist, mussten wir uns nach Förderern umsehen und konnten den Fonds Soziales Wien, die Wiener Städtische und die Firma Gourmet als Partner gewinnen. Sie sponserten sieben der acht Räder.

Denken Sie daran, die Autos komplett durch Lastenräder zu ersetzen?

Nein, das ist nicht realistisch. Was machen wir, wenn ein Meter Schnee liegt? Auch für längere Strecken in (mit Kunden) dünn besiedelten Gebieten ist das Auto einfach effizienter.

Die Vorteile für das Lastenrad liegen auf der Hand. Zeit- und Geldersparnis, Klimafreundlichkeit. Allerdings haftet Umwelt-Initiativen wie diesen oft der Greenwashing-Verdacht an. Wie wenden Sie den ab?

Zum Start von "Essen auf Rädern" vor drei Jahren gab es auch die Überlegung, Elektroautos anzuschaffen, doch die waren vergleichsweise teuer. Und ich bin einfach ein Fan von praktischen, umweltfreundlichen Lösungen aus dem Trend der City Logistics. Das hat nicht nur mit dem Beruf zu tun. Seit ich das Masterstudium "Logistik und Transport" belegt habe, hat sich mein Interesse für innovative Lösungen noch verstärkt.

Sprechen wir über negative Aspekte am Lastenrad. Die gibt es ja auch.

Ja, aber sie lassen sich leicht vermeiden – größere Reparaturen zum Beispiel können teuer sein. Die Räder sind relativ wartungsintensiv, weil sie in der Woche etwa 170 Kilometer durch die Stadt rattern, voll beladen, bei jedem Wetter und über Kopfsteinpflaster. Das macht sie anfällig für kleinere oder größere Schäden, weshalb eines immer in Reserve bleibt. Die Erfahrung zeigte aber, dass ein regelmäßiges Service im Abstand von sechs Wochen teure Reparaturen verhindert.

Wie sieht es mit der Fluktuation unter den Radlerinnen und Radlern aus? Der Samariterbund sucht derzeit wieder Leute.

Leider hatten wir noch keine Frauen im Lastenrad-Team. Und ja, wir suchen immer. Das geeignete Personal zu finden ist tatsächlich eine Herausforderung. Viele bleiben nicht lange, weil sie eine andere Vorstellung vom Job hatten. Viele Radfahrer sind Freigeister, die sich nicht einem fixen Zeitplan unterwerfen wollen.

Firmen müssen ein gewisses Engagement für den Klimaschutz aufweisen, damit sie ihren Fuhrpark umstellen. Es gibt diese Tendenz im Online-Handel oder bei Essenslieferanten. Wie realistisch ist es, dass das Dienstleistungsgewerbe – zumindest in der Stadt – großflächig auf Cargo-Bikes setzt?

Die Umstellung der Wirtschaftstransporte auf umweltfreundliche bzw. emissionsfreie oder CO²-neutrale Fahrzeuge wird sich erst dann in der Breite durchsetzen, wenn es für Betriebe auch wirtschaftlich sinnvoll ist und zumindest nicht teurer als es jetzt der Fall ist. In unserem Fall ist es zum Glück so, dass es uns eine große Ersparnis bringt und die Effizienz steigert. Es bedeutet, dass es bereits möglich ist, aber noch nicht überall. Wenn man sich den städtischen Verkehr ansieht, wimmelt es überall von großen DHL- und UPS-Lieferwägen. Sie finden keinen Parkplatz, verursachen Staus und stinken, weil es Dieselfahrzeuge sind.

Auch die Landflucht ist ein Aspekt, den man berücksichtigen muss. 80 Prozent der Menschen werden 2050 in Städten leben. Man kann irgendwann die Infrastruktur einfach nicht mehr erweitern, sondern muss umdenken und die zur Verfügung stehenden Ressourcen optimal nutzen. Dazu zählt auch der Transport von Gütern und Personen. Ich bin sehr zufrieden mit unseren Cargo-Bikes. Die Anschaffung von weiteren Lastenrädern ist bereits in Planung.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-05-26 12:50:22
Letzte ─nderung am 2017-05-26 12:58:16



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