• vom 04.08.2017, 21:01 Uhr

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Barrierefreiheit

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Von Felix Kraxner

  • Wien ist von der gesetzlichen flächendeckenden Barrierefreiheit von Geschäften weit entfernt.

Für Günther Kadlec ist die Landstraßer Hauptstraße ein Hindernisparcours.

Für Günther Kadlec ist die Landstraßer Hauptstraße ein Hindernisparcours.© Stanislav Jenis Für Günther Kadlec ist die Landstraßer Hauptstraße ein Hindernisparcours.© Stanislav Jenis

Wien. "Schauen’S, ich möchte Ihnen was zeigen, dann glauben’S das erst." Kurz nach 15 Uhr an der Landstraßer Hauptstraße geht es mit Schwung über die Gehsteigkante - kein Problem für den Elektrorollstuhl, der leer rund 185 Kilogramm wiegt und per Joystick gesteuert wird. Die fünf Zentimeter sind für Günther Kadlec im Rahmen des Machbaren. Nach einem Slalom durch die entgegenkommenden Menschen steht ein Schuhkauf auf dem Programm. Wie erkennt man, ob der gesuchte Schuh sein Geld wirklich wert ist? In diesem Fall gar nicht, denn ein Zutritt zum Geschäft ist erst gar nicht möglich. Die Eingangsstufen türmen sich - wie so oft - vor seinem Rollstuhl. Nichts Unübliches, aber immer wieder ärgerlich für Kadlec, der häufig das Gespräch mit Geschäftsinhabern sucht. Meist führt dies in eine Einbahnstraße.

"Wie soll ich da jetzt reinkommen? Sie wissen, dass der Eingang barrierefrei sein muss, oder?", fragt er eine Angestellte, die aus sicherer Distanz im Geschäft versichert, dass ihre Vorgesetzte das Problem gleich lösen wird. Nicht nur der Rollstuhlfahrer wirkt in dieser Situation hilflos. Die herbeigerufene Geschäftsinhaberin versucht es mit einer Kompromisslösung und bietet an, die gewünschten Schuhe aus dem Geschäft hinauszureichen: "Was haben Sie denn für eine Schuhgröße? Irgendwelche speziellen optischen Wünsche?" Diese Alternativvorschläge werden immer wieder gemacht. Ein nett gemeintes Entgegenkommen, aber eine unzumutbare Lösung.

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"Angenommen, Sie würden mich jetzt auf der Straße bedienen, was glauben Sie, wie das für die Passanten ausschaut?", fragt Kadlec die Geschäftsinhaberin. Angeblich war das Geschäft noch vor einigen Monaten im Besitz einer Rampe. Diese wurde skurrilerweise entfernt, da eine Person darüber gestolpert sein soll. Schleunigst wieder eine Rampe zu bekommen sei die "oberste Priorität" erklärt die Geschäftsinhaberin. Ein stilles "Es tut uns leid" gibt es zum Abschluss noch mit auf den Weg.

"Die Klingel funktioniert im Moment leider nicht"
Obwohl die zehnjährige Übergangsfrist zur Schaffung von Barrierefreiheit in der Privatwirtschaft bereits mit 1. Jänner 2016 ausgelaufen ist. Doch die Vorschrift ist in der Landstraßer Hauptstraße und anderen belebten Einkaufs- und Geschäftsstraßen - bis auf vereinzelte positive Beispiele - nicht angekommen. Eine flächendeckende Abschaffung der Hindernisse bei Geschäftseingängen ist nicht ersichtlich. Unzählige Restaurants, Bars, Supermärkte, Geschäfte und nahezu alle Banken haben großen Aufholbedarf - oder sollten überhaupt einmal damit beginnen, der Barrierefreiheit Beachtung zu schenken. "Das ist denen wurst, die sind schlicht und einfach stur, die sehen keinen Grund nachzugeben", meint Kadlec.

Ebenfalls unbefriedigend ist das Anbringen einer Klingel. Eine installierte Klingel für Rollstuhlfahrer schafft keine Barrierefreiheit. Schon gar nicht, wenn sie nicht funktioniert. Beim letzten Stopp auf der Landstraßer Hauptstraße, vor einer Bank, gibt es so eine Klingel. Es dauert knapp zehn Minuten, bis zwei Angestellte auf den Rollstuhlfahrer vor den Stufen aufmerksam werden. "Unsere Klingel funktioniert im Moment leider nicht. Das haben wir dem Chef schon weitergeleitet. Wir arbeiten wirklich dran", versprechen die beiden Herren.

Die vorbereitete ausziehbare Rampe ist zu schmal, um einen breiteren Rollstuhl über die Stiegen zu befördern. Unter verdutzten Blicken vorbeigehender Passanten grübeln die beiden Banker, wie der ohne Fahrer 185 Kilogramm schwere Elektrorollstuhl mit Hilfe von Muskelkraft nun über die Stufen ins Innere gelangen soll. Eigentlich eine einfach lösbare Aufgabe: Gar nicht. Denn im Gesetz steht, dass Betroffene, ohne fremde Hilfe - also selbständig - ein Geschäft betreten können müssen.

Privatwirtschaft und Bund mit unterschiedlichen Maßstäben
Ein weiteres Problem sieht Kadlec beim Bund, dessen Frist zur Umsetzung von Barrierefreiheit verlängert wurde. Dieser legte einen Teilzeitetappenplan vor, der bis zum 31. Dezember 2019 erfüllt werden muss. Eine mittelbare Diskriminierung liegt nur dann vor, wenn die Barrieren bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht beseitigt sind. Noch gut zweieinhalb Jahre, in denen der Staat keine Vorbildfunktion für die Privatwirtschaft einnehmen kann - wobei bedacht werden muss, dass der Bund - unter anderen - Gebäude nutzt, die unter Denkmalschutz stehen und die Umsetzung mit einem größeren Aufwand verbunden ist. "Wieso sollen sich Unternehmen daran halten, wenn nicht einmal die öffentlichen Gebäude zur Gänze barrierefrei zugänglich sind?", fragt sich Kadlec.

Als eine gute Intention, aber leider "zahnlos", erachtet Martin Ladstätter, Obmann des Vereins Bizeps, der Behinderte und deren Angehörige berät, das Behindertengleichstellungsgesetz. Grund dafür ist der nicht vorhandene Anspruch, eine Barriere zu beseitigen. Es ist zwar möglich, bei einer Diskriminierung auf Schadenersatz zu klagen, die Barriere muss im Anschluss allerdings nicht entfernt werden. Ein Umbau ist nicht verpflichtend. Das bedeutet, dass durch Zahlen des Schadenersatzes ein Urteil verhindert werden kann.

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Dokument erstellt am 2017-08-04 17:48:08



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