• vom 29.03.2011, 16:11 Uhr

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Mitarbeiter als Katastrophen-Opfer: Wie sollen Chefs handeln, die Personal in Japan oder Libyen stationiert haben?

SOS vom Büro aus der Wüste


Von Claudia Peintner

  • Spätestens bei Reisewarnung Personal ausfliegen.
  • Traumatisierte Mitarbeiter brauchen Anweisungen und Zeit fürs Privatleben.
  • Wien. Bereits im Arbeitsgesetz steht schwarz auf weiß: Mitarbeiter dürfen nicht wissentlich in Gefahr gebracht werden. Die Gewalt in Nordafrika oder die Katastrophe in Japan stellen Chefs diesbezüglich vor eine Zerreißprobe. Krisenmanagement steht auf der Tagesordnung: Was soll ich mit meinen Bauarbeitern und Autoingenieuren vor Ort machen? Abziehen, um nicht ihr Leben zu gefährden? Dort lassen, damit ein Teil der Produktion aufrechterhalten bleibt?
  • Fluglinien auf Evakuierungs-Mission

Bau- und Ölfirmen zogen in den letzten Wochen Mitarbeiter aus Nordafrika ab.Foto: corbis

Bau- und Ölfirmen zogen in den letzten Wochen Mitarbeiter aus Nordafrika ab.Foto: corbis Bau- und Ölfirmen zogen in den letzten Wochen Mitarbeiter aus Nordafrika ab.Foto: corbis

Kein leichtes Unterfangen - bei kaputten Internet- und Telefonverbindungen in der Region, abgelegenen Büros in der Wüste und kulturellen Unterschieden, die leicht zu Missverständnissen führen können.

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Zur genauen Evakuierungsstrategie wollen heimische betroffene Unternehmen wie OMV, Porr, Strabag und KTM lieber schweigen. Feststeht jedenfalls: "Die Katastrophen trafen die Betriebe nicht unvorbereitet", so Frank Roselieb, Leiter des Instituts für Krisenforschung in Kiel. Seit der Sars-Pandemie und dem Tsunami in Südostasien hätten viele Konzerne Krisenmanagement-Pläne in der Schublade.

Raus aus dem Vertrag

Geht es nach dem Lehrbuch, dann sind beim Exit-Szenario drei Ebenen zu beachten. Im ersten Schritt, der operativen Ebene, müsse man versuchen, das Problem zu lösen, so Roselieb. Konkret bedeutet das: Menschen rausholen, Produktion und Gebäude sichern sowie die Versorgung mit Lebensmitteln sicherstellen.

Im zweiten Schritt steht die Kommunikation im Vordergrund. "Stehen die Menschen unter Schock, müssen sie auch dort abgeholt werden. Egal ob Manager oder Bauarbeiter, die Menschen brauchen Orientierung, sie warten auf klare Anweisungen", betont Krisenmanager Roselieb.

Weiters hat das Unternehmen den Kunden Änderungen bei den Lieferungen bekanntzugeben. Hier empfiehlt die Wirtschaftskammer den Betrieben, die "Force majeure Klausel" anzuwenden. Diese räumt Unternehmen in Verträgen etwa bei Naturkatastrophen oder Bürgerkrieg das Recht ein, die Erfüllung vertraglicher Pflichten auszusetzen oder ganz vom Vertrag zurückzutreten.

Die dritte und zugleich wohl schwierigste Aufgabe ist die Krisenpsychologie. Der Arbeitgeber muss dem Personal signalisieren, inwieweit das Privatleben jetzt Vorrang hat. So wurden etwa in Japan viele Mitarbeiter für drei Wochen bei Lohnfortzahlung freigestellt, um private Dinge zu regeln. Auch das Arbeiten von zu Hause aus wäre eine Option für die Übergangszeit. Doch Vorsicht: Das Angebot, von der Arbeit fern zu bleiben, könnten die pflichtbewussten Japaner als verletzend aufnehmen. "Oh Gott, ich werde nicht mehr gebraucht", so die Assoziation.

Wer spart, zahlt drauf

Anders sieht freilich die Situation in Nordafrika aus: "Spätestens wenn es eine klare Reisewarnung des Außenministeriums gibt, sollten ausländische Mitarbeiter ausgeflogen werden", sagt Roselieb. Viele Argumente sprechen für einen noch früheren Abzug: Bei einer Reisewarnung sind die Flieger ausgebucht. Je weniger Ausländer im Land sind, desto einfacher ist es auch für die lokale Regierung, eine Katastrophe zu stemmen. In Nordafrika kommt die Gefahr der Geiselhaft von ausländischen Mitarbeitern hinzu. Fehl am Platz ist, wer bei einer Evakuierung auf das Gelbörserl schaut: "Der Schaden, wenn bestimmte Aktionen aus Sparsamkeit nicht erfolgen, ist oft wesentlich größer", betont Roselieb.

Unterstützung erhalten Chefs bei der Krisenbewältigung vor Ort bei der Botschaft oder den Außenhandelsstellen der Wirtschaftskammer.

Die Tatsache, dass oftmals Internet und Festnetztelefon außer Betrieb sind, sollte bei der Evakuierung kein Hindernis sein, beruhigt Roselieb. In Japan funktioniere die Kommunikation vielfach direkt über Satelliten. In Libyen hätten die meisten Unternehmen - wegen der schlechten technischen Infrastruktur - dafür eigene Antennen auf dem Dach installiert. Feingefühl ist auch bei der Wiederaufnahme der Arbeit gefragt. Selbst wenn die Fließbänder in Tokio längst laufen, könnte es rund ein halbes Jahr dauern, bis Normalbetrieb einkehrt. "Jeder fünfte Mitarbeiter ist traumatisiert, viele Lieferanten gibt es nicht mehr, die Routine ist weg", schildert der Krisenexperte. Der Rat: Unternehmen sollten zusätzliche Mitarbeiter in die Region schicken, die beim Organisieren mithelfen.



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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2011-03-29 16:11:02
Letzte Änderung am 2011-03-29 16:11:00

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