Seit Monaten suchen die Euro-Finanzminister nach einem Weg, Pleitekandidaten wie Griechenland vor der Zahlungsunfähigkeit zu bewahren - und damit die Gemeinschaftswährung zu erhalten. Torpediert werden diese Bemühungen jedoch regelmäßig durch Ratingagenturen, deren Herabstufungen einzelner Länder für heftige Turbulenzen an den Finanzmärkten sorgen. Wiederholt wird die Kritik geäußert, dass sich die Euro-Zone damit längst in der Hand der Ratingagenturen befindet.
Wer sind Ratingagenturen?
Ratingagenturen sind nach Gewinn strebende Privatunternehmen. Sie verdienen ihr Geld damit, dass sie die Sicherheit von Wertpapieren sowie die Kreditwürdigkeit von Unternehmen und Staaten analysieren und benoten. Anleger können aufgrund dieser Analysen überlegen, wie sie Geld anlegen, wo es Risiken gibt oder welche Länder verlässliche Schuldner sind.
Wie funktioniert die Bewertung?
Verteilt werden Noten (Ratings), die von AAA oder Aaa (sichere Anlage) bis D (zahlungsunfähig) reichen. Privatanleger, Kreditinstitute und Versicherungen entscheiden anhand dieser Noten, ob sie den Ländern oder Firmen Geld leihen oder ihre Anleihen abstoßen. Wird das Ausfallrisiko von Krediten an eine Firma oder einen Staat von den Agenturen höher eingeschätzt, verlangen Banken und Investoren höhere Zinsen.
Wer bezahlt für die Noten?
Geld bekommen die Bonitätsprüfer nicht etwa von einem Anleger, der sich für die Aussichten eines Wertpapiers interessiert, sondern von dem Emittent neuer Wertpapiere. Kritiker sehen darin einen Interessenskonflikt: Dies sei, als ob Schüler ihre Lehrer für die Benotung bezahlten.
Woher rührt die Macht der Ratingagenturen?
Weltweit gibt es rund 150 Ratingagenturen. Aber viele von ihnen sind nur regional oder für bestimmte Branchen von Bedeutung. Rund 90 Prozent des Marktes teilen die drei US-Firmen Standard & Poor's, Moody's und Fitch unter sich auf. Durch ihre mächtige Stellung können sie mit einer schlechten Note ein Land in arge Bedrängnis bringen. Denn die Anleger bekommen das Signal: Diesem Land besser kein Geld leihen, vielleicht bekommt ihr es nicht zurück.
Warum sind die Benotungen nicht nur für private Anleger von Bedeutung?
Ratingagenturen sind zwar keine offiziellen Aufsichtsbehörden, sie erfüllen aber inzwischen im Prinzip diese Rolle. Seit etwa den 30er Jahren wurden in den USA ihre Noten immer verbindlicher für Geschäfte am Finanzmarkt. Diese Entwicklung ging auch an Europa nicht vorüber. Die Europäische Zentralbank akzeptiert etwa keine Staatsanleihen mehr als Sicherheit, wenn sie nicht eine bestimmte Bewertung erhalten haben. Das ist besonders im Fall Griechenland von Bedeutung: Wird die geplante Bankenbeteiligung am Hilfspaket als Zahlungsausfall bewertet, hätten die griechischen Banken keine Sicherheiten mehr und wären umgehend pleite - und der europäische Finanzsektor geriete in Turbulenzen.
Warum stehen Ratingagenturen so in der Kritik?
Kritiker werfen den Ratingagenturen vor, dass die Kriterien für ihre Bewertungen nicht transparent sind und sie allen Hilfsbemühungen der Eurozone zum Trotz die Aussichten für Schuldenländer zu düster zeichnen. Die Ratingagenturen waren bereits vor drei Jahren massiv in der Kritik: Sie werden für die Insolvenz der US-Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 mit verantwortlich gemacht, welche die weltweite Finanzkrise auslöste. Den Agenturen wurde vorgeworfen, mit zu guten Ratings über die Schieflage der Bank hinweggetäuscht zu haben.
Welche Schritte wurden unternommen, um die Macht der Ratingagenturen zu beschneiden?
Die EU hat eine neue Marktaufsichtsbehörde geschaffen, die Ratingagenturen überwachen soll. Die ESMA (European Securities and Markets Authority) ist in Paris angesiedelt und nahm ihre Arbeit zu Jahresbeginn auf. Eine europäische Ratingagentur, die immer wieder gefordert wird, scheitert bisher am mangelnden politischen Willen.