• vom 27.09.2010, 18:18 Uhr

International

Update: 27.09.2010, 18:22 Uhr

Rally der Edelmetalle mit Überraschungssieger - Silberpreis legte im September 2010 noch stärker zu als Gold

Silber steht vor goldenen Zeiten




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Von Peter Muzik

  • Kursrekord nach drei Jahrzehnten.
  • Knappe Reserven pushen den Preis.
  • Industrie duelliert sich mit Investoren.
  • Der Goldpreis steigt und steigt - am Montag erstmals über 1300 Dollar für eine Feinunze. Dazu trugen nicht nur verunsicherte Anleger bei - auch Europas Zentralbanken suchen Sicherheit: In den vergangenen 12 Monaten warfen sie so wenig Gold auf den Markt wie seit 1999 nicht - nur 6,2 Tonnen (verglichen mit dem Rekord von 497 Tonnen 2004/2005).

Silberbarren der Wiener Scheideanstalt Ögussa - beim Kauf fällt (anders als bei Gold) Mehrwertsteuer an. Foto: reuters

Silberbarren der Wiener Scheideanstalt Ögussa - beim Kauf fällt (anders als bei Gold) Mehrwertsteuer an. Foto: reuters Silberbarren der Wiener Scheideanstalt Ögussa - beim Kauf fällt (anders als bei Gold) Mehrwertsteuer an. Foto: reuters

Eine noch spektakulärere Kursrally wird gern übersehen: Der Silberpreis kletterte auf 21,60 Dollar, den höchsten Kurs seit dreißig Jahren. Das Edelmetall, stets im Schatten des 60-mal so teuren Goldes, legte allein im September um fast 11 Prozent zu. Gold stieg nur um rund 4 Prozent.

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Experten wie Eugen Weinberg, Rohstoffanalyst der Commerzbank, sind längst der Meinung, Silber werde dem Gold den Rang ablaufen. Die Rekordmarke von 50 Dollar im Jänner 1980 ist zwar in weiter Ferne, aber etliche Fakten sprechen für einen Silber-Boom. Die Sorge um die Konjunktur insbesondere in den USA, die Niedrigzinspolitik der Notenbanken und die Angst vor einer Geldentwertung sowie die weltweite Schuldenkrise lassen Anleger Höhenflüge erwarten. Wie Gold gilt Silber für alle, die ihr Vermögen schützen oder erhalten wollen, als sicherer Hafen in riskanten Zeiten.



Die Flucht in börsenotierte Rohstofffonds ist evident: Der weltweit größte Silberfonds, der Ishares Silver Trust, verzeichnete in den letzten Tagen gewaltige Zuwächse und verwaltet bereits ein Volumen von 9600 Tonnen. Auch an den Terminbörsen macht sich Euphorie breit. Silber, bislang weltweit an 4000 Fundorten nachgewiesen, hat den Vorteil, dass es - im Gegensatz zu Gold, das de facto nur als Währungsersatz dient - auch als wichtiges Industriemetall mit vielfältigen Einsatzbereichen stark nachgefragt wird.

Viele einschlägige Experten erwarten eine Knappheit: Seit dem Zweiten Weltkrieg wird mehr Silber verbraucht, als im Bergbau und durch Recycling gewonnen wird. Alles in allem gingen die oberirdischen Lagerbestände von 10 auf ungefähr 1,2 Milliarden Unzen zurück. Obendrein schätzt die amerikanische Statistik-Behörde US Geological Survey, die 8700 Mitarbeiter beschäftigt, dass die weltweiten Silber-Reserven Mitte der Zwanzigerjahre erschöpft sein werden.

Der Aufholbedarf ist laut Edelmetall-Profi Thorsten Schulte jedenfalls gewaltig: Während auf jeden Weltbürger fast 13.000 Dollar an Staats-, Unternehmens- und Bankanleihen oder 6800 Dollar an Aktien entfallen, beträgt der Pro-Kopf-Wert bei Silberlagern lediglich drei Dollar. Die jahrzehntelange Lethargie rund um das chemische Element Ag hat mit seiner Vergangenheit zu tun - vor allem mit einem weltweit bekannt gewordenen Spekulanten: Nelson Bunker Hunt.

Eine Mega-Spekulation machte Markt kaputt

Der Sohn eines texanischen Öl-Milliardärs war gemeinsam mit seinem Bruder William Herbert (und in der Folge auch mit saudiarabischen Scheichs) Anfang der Siebzigerjahre groß ins Silbergeschäft eingestiegen. US-Bürgern war damals der Besitz von Gold verboten.

Die beiden wollten den überschaubaren Markt unter Kontrolle bringen und die Preise manipulieren, was mit gezielt gestreuten Gerüchten über eine baldige Verknappung gelang: Eine Unze Silber stieg von 3,30 Dollar innerhalb einiger Jahre auf mehr als 50 Dollar. Die Hunts kauften, zunehmend mit Fremdkapital, tonnenweise Silber, das sie in gecharterten Fracht-Flugzeugen nach Zürich und London bringen ließen.

Und sie hatten es auf Terminkontrakte abgesehen. Alles in allem versilberten sie fünf Milliarden Dollar und horteten 15 Prozent der weltweiten Silbervorräte.

Doch Mitte Jänner 1980 wurden die Spielregeln an der New Yorker Commodities Exchange (Comex) schlagartig geändert, um die Spekulation einzudämmen. Damit war die Rally zu Ende: Der Silberpreis stürzte binnen kürzester Zeit auf 10,80 Dollar ab. Nelson und William Hunt konnten die Gewinne nicht rechtzeitig realisieren und sollen fast zwei Milliarden Dollar verloren haben. Gerüchte, dass sich Comex-Direktoren goldene Nasen verdient haben, konnten nie verifiziert werden. Das Trauma der Hunt-Brüder, die mit Prozessen und Schadenersatzforderungen überhäuft wurden und Anfang 1989 Privatkonkurs anmeldeten, brachte den Silbermarkt bei Finanzprofis und Privatanlegern nachhaltig in Verruf. Der Kollaps war Auftakt einer gut zwei Jahrzehnte dauernden Baisse mit fallenden oder stagnierenden Preisen. Der Tiefpunkt war 2001 erreicht, als Silber bei 4 Dollar pro Unze notierte und Rohstoffinvestoren belächelt wurden.

Erst seit 2004 ist dank des Wirtschaftsbooms in Asien wachsende Nachfrage zu verzeichnen. Die Rekordmarke von 21,38 Dollar Anfang 2008 sackte allerdings innerhalb weniger Monate auf 8,40 Dollar ab, um sich im Krisenjahr 2009 bei 14,67 Dollar einzupendeln.

Silber, das "Gold des kleinen Mannes", ist zwar als industrieller Rohstoff für die Fotoindustrie weniger gefragt als früher, dennoch stieg die Nachfrage an. Grund: Die Produktion von Münzen und Medaillen nahm ein Fünftel zu, die Schmuckindustrie stoppte ihren rückläufigen Trend, und das Edelmetall landete häufiger in Tresoren und Bankschließfächern.

Anleger entdecken die Silberminen-Aktien

Mehr als die Hälfte der Silbermenge landet normalerweise in den an niedrigen Preisen interessierten Industrien (siehe Kasten). Zwar wurde die Nachfrage im Vorjahr nur zu vier Fünftel von dem in den Minen geförderten Output gedeckt. Angebot und Nachfrage waren dennoch ausgeglichen: Dafür sorgt das (tendenziell aber rückläufige) Recycling von Altsilber. Ein winziger Teil kommt aus staatlichen Silberverkäufen, etwa Russlands.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2010-09-27 18:18:12
Letzte ─nderung am 2010-09-27 18:22:00



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