
Die an seinem gestrigen ersten Arbeitstag angekündigte "Abteilung für Kundenzufriedenheit und Qualitätsmanagement", die direkt unter dem Holding-Vorstand angesiedelt wird, soll dafür ein konzernweites Signal setzen.
Am wichtigsten sei die Motivation der Mitarbeiter. Kern sieht seinen eigenen Job darin, hier Überzeugungsarbeit zu leisten: Das Bewusstsein für die Bedürfnisse der Kunden müsse im ganzen Konzern als Querschnittsmaterie durchgängig beachtet werden. Dabei sieht der ehemalige Verbund-Manager und Quereinsteiger bei den ÖBB zwischen dem Energieversorger und dem Infrastrukturunternehmen durchaus Parallelen. Die ÖBB seien wie ein "riesiger Tanker", jede Veränderung brauche natürlich Zeit. Doch auch der Verbund habe eine Modernisierungs- und Schlankheitskur erfolgreich absolviert.
Gesamte Kostenstruktur auf dem Prüfstand
Die Sparbudgets und die Wirtschaftskrise lassen auch die Bahn nicht ungeschoren: Die öffentliche Hand werde künftig nicht mehr Geld als in der Vergangenheit investieren. Vor den Sparmaßnahmen soll eine genaue Diagnose stehen: Der neue Bahnchef will über den Sommer zunächst den Status im ganzen Unternehmen erheben. "Wir müssen die gesamte Planung auf den Prüfstand stellen, ob die Ziele realisiert werden können". Auch mögliche in den Büchern schlummernde Risiken sollen erhoben werden. Die gesamte Kostenstruktur stehe auf dem Prüfstand, die Personalkosten seien dabei nur einer von vielen Posten.
Insbesondere im Einkaufsvolumen und bei den Overheads ortet Kern großes Einsparungspotenzial. "Wir wollen nicht von unten nach oben, sondern von oben nach unten sparen". Die durch die frühere Zersplitterung des Unternehmens entstandene hohe Zahl der Vorstände und Geschäftsführer müsse kritisch beleuchtet werden. Für die Holding AG hält Kern den Dreier-Vorstand (mit Franz Seiser und Josef Halbmayr) für sinnvoll, aber "ob die Infrastruktur AG auf Dauer fünf Vorstände braucht wird geprüft", nennt er ein konkretes Beispiel.
Pensionsalter schrittweise erhöhen
Das oft kritisierte niedrige Pensionsantrittsalter der ÖBB-Mitarbeiter von derzeit rund 52 Jahren werde schrittweise steigen, versichert Kern: "Die Vorgabe von Ministerin Bures, jährlich das Antrittsalter um ein Jahr anzuheben, ist für mich eine zentrale Herausforderung". Den in den vergangenen Jahren durchgeführten Frühpensionierungen zur Reduktion des Personalstands erteilt der neue ÖBB-Boss eine klare Absage: "Da werden die Kosten von einer Tasche in die andere Tasche verschoben", beides müsse letztlich der Steuerzahler bezahlen. 28.000 der ÖBB-Beschäftigten können nicht gekündigt werden, durch Rationalisierungen frei gewordene Mitarbeiter sollen künftig nicht mehr frühpensioniert werden, sondern im konzerninternen Arbeitsmarkt neue Beschäftigungen finden.
Für die anstehende Lohnrunde für die 42.000 Beschäftigten hält sich Kern bedeckt. Forderungen von ÖVP-Seite nach einer Nulllohnrunde will er nicht kommentieren.
"Bahn darf keine Schienen-AUA werden"
Der neue Bahn-Chef gibt der ÖBB einen neuen Kurs in Richtung von mehr Wirtschaftlichkeit vor. "Die Bahn darf keine Schienen-AUA werden", warnt er vor einem Ausverkauf, garniert mit Steuergeldern. Versorgungsauftrag und Gewinnorientierung müsse die ÖBB unter einen Hut bekommen - "sonst werden wir scheitern". Das Unternehmen müsse einen "sinnvollen Mittelweg" finden, weder nur die Infrastruktur-Versorgung noch der Shareholder-Value dürfe alleine die Richtung vorgeben. Die ÖBB müsse ein Stück mehr in die "wirtschaftliche Normalität" kommen.
Die am Montag erfolgten Neubesetzungen der Aufsichtsräte, wonach alle Holding-Vorstände in allen Töchtergesellschaften verankert werden, bezeichnet Kern als "Meilenstein". Der früheren Desintegration und Zersplitterung des Unternehmens, was für viele Missstände und Doppelgleisigkeiten verantwortlich gewesen sei, werde ein Ende gesetzt. Die ÖBB treten künftig als "ein Konzern" auf. Die Holding werde als "strategische Management-Holding" agieren.