New York/Washington. (ag/hes) Hätte die Facebook-Aktie jenen Raketenstart hingelegt, den sich viele erwartet hatten, wären die chaotischen Begleitumstände des Börsendebuts am 18. Mai wohl nicht mehr als eine Randnotiz gewesen. Das Social-Media-Portal war aber nicht nur weit von einem Kursfeuerwerk entfernt - es legte sogar den schlechtesten Börsenstart eines Milliarden-Papiers seit fünf Jahren auf das Börsenparkett. Das belegen Daten des Dienstleisters Dealogic, welche das "Wall Street Journal" veröffentlichte. Auch am dritten Handelstag war das Papier nämlich weiter abgesackt und schloss bei 31 Dollar - also mit einem Verlust von gut 18 Prozent gegenüber dem Ausgabepreis von 38 Dollar. Damit führt Facebook die Negativrangliste klar vor dem Vermögensverwalter Och-Ziff an, der 2007 auf minus 13 Prozent gekommen war. Auch der eng mit Facebook kooperierende Spieleentwickler Zynga hatte im Vorjahr mit minus 8 Prozent vergleichsweise "besser" abgeschnitten. Am Mittwoch war die Talfahrt vorerst gestoppt. Im frühen New Yorker Handel legte das Papier um rund 3,5 Prozent auf gut 32 zu. Die Verluste bleiben dennoch groß. Jetzt hagelt es Schuldzuweisungen.
Im Visier sind neben Facebook selbst vor allem die Nasdaq und jene Banken, welche den Börsengang organisiert hatten - allen voran Morgan Stanley, JP Morgan Chase und Goldman Sachs.
Nachfrage weit überschätzt
Ihnen wird vorgehalten, das Interesse an der Aktie weit überschätzt zu haben. Deshalb sei kurz vor der Erstnotiz die Zahl der Papiere und der Ausgabepreis noch einmal angehoben worden.
Eine Anwaltskanzlei aus Los Angeles reichte am Dienstag eine Klage gegen Facebook und die Banken ein. Die Börsenunterlagen seien schlampig zusammengestellt gewesen und hätten wichtige Informationen verschwiegen. So sei von den beteiligten Banken kurz vor dem Börsengang die Gewinn- und Umsatzprognose für Facebook gesenkt worden. Gerüchteweise soll der Anstoß dazu freilich vom Online-Netzwerk selbst gekommen sein. Morgan Stanley, die Hauptorganisatorin unter den Banken, wies die Vorwürfe zurück: Es seien alle Regularien eingehalten worden. Neben der US-Börsenaufsicht SEC kündigte auch die Regulierungsbehörde Finra an, die Banken unter die Lupe nehmen zu wollen.
Nasdaq räumt Fehler ein
Im Bundesstaat Maryland brachte ein Investor eine Sammelklage gegen die Technologiebörse Nasdaq ins Rollen: Dessen technische Pannen im Handelssystem hatten die Probleme noch verschärft. Die Nasdaq räumte ein, Fehler gemacht zu haben. Sie hätte den Börsengang nach eigenen Angaben lieber abgeblasen, wenn sie vorher gewusst hätte, welche Probleme auftreten würden.
Marktbeobachter behaupten allerdings, die Computersysteme seien kurz vor dem Handelsauftakt neu gestartet worden - die Probleme müssten sich also abgezeichnet haben. Nach dem Börsenstart waren Anleger und professionelle Investoren stundenlang im Unklaren gelassen worden, wie viele Aktien sie gekauft hatten. Sie mussten untätig zusehen, wie sie angesichts des Kursrutsches gigantische Verluste anhäuften. Die Überforderung der technischen Systeme mit dem Börsengang liefert eine Steilvorlage für alle, die eine strengere Kontrolle und schärfere Regeln gegen den computergestützten Aktienhandel fordern. Beim so genanntem High-frequency-trading werden im Millisekunden-Takt vollautomatisch Orders platziert und zurückgenommen.