Madrid. (wak) Jene, die spanische Anleihen oder spanische Aktien besaßen, fackelten nicht lange während der Rede von Mario Draghi. Nichts wie raus aus den spanischen Papieren. Der Leitindex der spanischen Börse sackte während der Pressekonferenz von Draghi zeitweise um fünf Prozent ab. Die Zinsen spanischer zehnjähriger Papiere kletterten über sieben Prozent im Sekundärmarkt. Zinsen von sieben Prozent gelten als langfristig nicht finanzierbar.
Auch die Zinsen bei der Ausgabe frischer Staatsanleihen - Spanien sammelte am Donnerstag bei drei Auktionen 3,1 Milliarden Euro am Markt ein - waren höher als noch Anfang Juli. Der Zins für zehnjährige Anleihen kletterte auf 6,647 Prozent (im Juli waren es noch 6,43 Prozent). Auch die Nachfrage nach den iberischen Papieren war nicht mehr so stark. Die Auktion war nur 2,4-fach überzeichnet - um ein Drittel weniger als noch vor einem Monat.
Während Draghi in Frankfurt die Linie der EZB vorgab, traf sich der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy in Madrid mit seinem italienischen Amtskollegen Mario Monti für eine Tour d’Horizon. Monti beschloss in Madrid seine diplomatische Offensive - er traf sich diese Woche bereits mit seinem französischen und finnischen Amtskollegen, um die Position der schwächeren Euro-Länder zu vertreten - und Alternativen zu suchen, um die Zinsen der Staaten zu drücken.
Gros: "Ausländische Investoren mit ESM ersetzen"
Der Direktor des Brüsseler Think Tank CEPS (Center for European Policy Studies), Daniel Gros, ist der Meinung, dass Spanien, genauso wie Italien, eine Zeit lang mit den hohen Zinsen zwischen 6 bis 7 Prozent leben könnte. Allerdings müssten sie ihre privaten Sparguthaben mobilisieren, die in beiden Ländern noch relativ hoch sind. Für Spanien ist es zudem notwendig ein paar Umschuldungen vorzunehmen.
Madrid müsse vor allem das Problem der privaten ausländischen Investoren lösen, die sich, koste es, was es wolle, sich von den Anleihen trennen. Die Auslandsverschuldung Spaniens beträgt 90 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die spanischen Haushalte verfügen nicht über genug Kapital, um die Verschuldung zu schlucken.
"Es wäre daher notwendig, dass der Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM - dessen Inkrafttreten noch an dem Urteil des Karlsruher Verfassungsgericht hängt) die ausländischen Investoren ersetzt", meint Gros in seiner Studie "Can Italy and Spain survive rates of 6-7 percent?". Die hohen Zinsen könnten auch eine Chance sein, um den Privatsektor aus den Anleihen herauszudrängen. Zehn spanische Anleihen notieren bereits bei nur noch 70 Prozent ihres Ausgabepreises. Der ESM könnte daher beispielsweise Anleihen, die ursprünglich 300 Milliarden Euro wert waren, um weniger als 210 Milliarden Euro kaufen. Der permanente Rettungsschirm ESM könnte diesfalls den Märkten kommunizieren, dass er zwar bereit ist, Anleihen zu kaufen, er aber auf den Vorrang besteht (also im Insolvenzfall vorrangig vor allen anderen Gläubigern befriedigt werden würde), wenn auch nur für den tatsächlichen Marktwert (in diesem Beispiel 210 Milliarden) und nicht für den Ausgabewert (300 Milliarden Euro).
Spanische Immobilien von EU-Institution kaufen lassen
Das zweite Problem - neben der hohen Auslandsverschuldung - in Spanien ist die geplatzte Immobilienblase. Der spanische Bankensektor hat noch viele Immobilienwerte in seinen Bilanzen. Immobilien, auf die die Hypothek nicht mehr gezahlt werden konnte, oder solche, die noch im Bau wären, aber wo das Geld fehlt, um die Projekte fertigzustellen. Gros plädiert dafür, dass diese Hypotheken zu einer Europäischen Institution verschoben werden. Die hätte zudem den Vorteil, dass sie viel niedrigere Refinanzierungskosten hat, als die 6 bis 7 Prozent, mit denen die spanischen Banken derzeit zu kämpfen haben.
Eine europäische Institution wie die Europäische Investitionsbank oder der Europäische Strukturfonds hätte nach Ansicht Gros’ genug Geld und einen längeren Atem - denn die meisten der Hausprojekte würden sich ja längerfristig rentieren. Entweder, wenn die Häuserpreise wieder nach oben gehen (wenn sich die spanische Volkswirtschaft von ihrer Rekordarbeitslosigkeit erholt) oder zumindest über Mieteinnahmen). So könnten jetzt schon bis zu 200 Milliarden Euro nach Spanien fließen und so die Auslandsverschuldung verkleinern.