Istanbul. (dpa) Die Griechen kommen: Angesichts der Wirtschaftskrise wollen 1,5 Millionen Hellenen ihre Heimat verlassen. Immer öfter suchen sie Arbeit beim ehemaligen Erzfeind Türkei. Als türkische Behörden im vergangenen Jahr eine zunehmende Zahl Arbeitssuchender aus dem Nachbarland registrierten, machte das in Istanbul Schlagzeilen. Mit einer Mischung aus Verwunderung und Stolz registriert die aufstrebende Wirtschaftsmacht "Gastarbeiter" aus der EU. Während Griechenland am Rande der Pleite um ein schmerzhaftes Reformprogramm ringt, lärmen in der türkischen Wirtschaftsmetropole Istanbul die Baumaschinen bis in die Nacht. Geldgeber aus dem Ausland suchen zwischen neuen Fabriken und den immer größer und schicker werdenden Einkaufszentren auch in Anatolien nach Gelegenheiten für aussichtsreiche Investitionen.
Auch Intellektuelle suchen in der Türkei ihr Glück. So der Assistenz-Professor Dimitris Triantaphyllou, der vor einem Jahr ausgewandert ist und nun an der Kadir Has Universität in Istanbul lehrt. Er berichtet, dass nicht nur alleinstehende griechische Männer in die Türkei emigrieren, sondern bereits ganze Familien. Dazu kommt, dass viele Griechen in der Türkei geboren sind und die schwierige Lage nutzen, um in ihre ursprüngliche Heimat zurückzukehren.
Athen kämpft gegen die Staatspleite, am Bosporus dagegen jagt eine Erfolgsmeldung die nächste. Unter der Regierung der islamisch-konservativen AKP von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan ist die Wirtschaft in den vergangenen Jahren durchschnittlich um mehr als fünf Prozent gewachsen, trotz einer Delle in den Krisenjahren 2008/ 2009. Kürzlich wurde Turkish Airlines (THY) in einer Umfrage des Luftfahrtforschungsinstituts Skytrax zum zweiten Mal in Folge zur besten Fluggesellschaft in Europa gekürt. "Wir sind das erste türkische Unternehmen, das Europa überholt", freut sich Vorstandsvorsitzender Temel Kotil.
Die stark expandierende türkische Fremdenverkehrswirtschaft hat schon vor einigen Jahren angefangen, beim Nachbarn zu investieren. Vor allem auf den oft nahe vor der türkischen Küste liegenden Ägäis-Inseln haben türkische Hoteliers Ferienanlagen gebaut und hunderte griechische Hotels gekauft, berichtet der Generalsekretär der Föderation der Türkischen Hoteliers (Türofed), Inanc Atilgan, der in Wien studiert hat.