Wien. Solche Zuckerzahlen konnten nicht einmal Branchenriesen ExxonMobil oder Shell vorzeigen: "Im zweiten Quartal 2012 stieg das um Lagereffekte bereinigte Betriebsergebnis (Clean CCS Ebit) um 82 Prozent auf 865 Millionen Euro", berichtete der österreichische Öl- und Gaskonzern OMV am Mittwoch. Nachdem im ersten Halbjahr - insgesamt unerwartet stark - der Umsatz um 27 Prozent auf mehr als 20,3 Milliarden Euro und der Konzern-Betriebsgewinn (Ebit) um 11 Prozent auf mehr als 1,53 Milliarden Euro gestiegen war - Hauptgründe: hoher Ölpreis, starker Dollar, hoher Beitrag aus Rumänien, besserer Beitrag aus der Türkei -, stellt sich die OMV in Zukunft auf wieder härtere Zeiten ein.
Denn die Renditen im Raffinerie- und Petrochemiegeschäft haben nach den "durchaus hohen" Ständen im Sommer schon wieder zu sinken begonnen, auch im Tankstellengeschäft - "die Ergebnisse sind so schlecht, dass wir sie gar nicht herzeigen" - schmälert der hohe Ölpreis - der heuer wohl nicht unter 100 Dollar sinken wird - gepaart mit einem niedrigen Wirtschaftswachstum die Einnahmen. Auch bei der Gastochter EconGas erwartet die OMV durch den anhaltenden Preisdruck wenig Gutes.
Vor allem, weil in Libyen die Förderung fast wieder das Niveau von vor dem Bürgerkrieg erreicht hat, stieg die Konzernproduktion per Ende Juni wieder auf mehr als 300.000 Fass Erdöläquivalent (boe/d) pro Tag. Auch im von Unruhen erschütterten Jemen ist die Förderung (7000 boe/d) Mitte Juli wieder angelaufen, nachdem die wichtige Exportpipeline Maarib, die wegen wiederholter Bombenanschläge monatelang außer Betrieb war, wieder funktioniert. "Das Produktionsziel für 2016 mit 350.000 Barrel pro Tag sehen wir sehr, sehr realistisch", bekräftigte OMV-Konzernchef Gerhard Roiss - er sei "alles in allem erfreut, zu sehen, wie die Implementierung unserer neuen Strategie Fahrt aufnimmt".

Neue Strategie heißt bei Roiss, vor allem den Bereich E&P (Exploration und Produktion) zu forcieren - in Prosa: noch mehr Suche und Förderung von Öl und Gas. Roiss kündigte am Mittwoch an, die Explorationsausgaben drastisch nach oben zu schrauben. Man habe bisher mit der Investition von 300 Millionen Euro pro Jahr kalkuliert, jetzt setzt man mittelfristig das Doppelte an, 600 Millionen. "Die Wachstumsaktivitäten, die wir heute setzen, führen zu Investitionen morgen und zu einem Ergebnis übermorgen", sagte Roiss. "Heute bis übermorgen, das heißt bei uns fünf bis zehn Jahre."
NabuccoWest ohne Türkei ?
"Wichtig ist, Gas nahe an Europa, nahe an den Märkten zu finden und zu produzieren", sagte Roiss. Er wolle daher "unser Exposure im Schwarzen Meer weiter ausbauen". Nachdem das ursprüngliche Gaspipeline-Projekt "Nabucco" auf eine wesentlich kürzere "Nabucco-West" - von der türkisch-bulgarischen Grenze nach Österreich - geschrumpft ist, stehe man vor der neuen Situation, dass "dass wir mittlerweile eigenes Gas haben im Schwarzen Meer und dieses Gas auch eigene Leitungen braucht", so Roiss. "Gehen Sie davon aus, dass die Beteiligungsstruktur bei Nabucco eine andere sein wird als heute." Im Februar hatte die OMV im rumänischen Teil des Schwarzen Meeres den "größten Gasfund ihrer Geschichte" gemeldet; mittlerweile habe man auch in Bulgarien im Konsortium mit Repsol und Total den Zuschlag für die Suche nach Gas bekommen.
Mitte 2013 entscheiden die Entwickler des riesigen Sha-Deniz-II-Gasfeldes vor der Küste Aserbeidschans, ob "Nabucco West" oder die Konkurrenz das Gas aus dem Kaspischen Raum nach Zentraleuropa weiterleitet. Durch die Türkei wird es, wie berichtet, durch die aserisch-türkische Trans-Anatolien-Pipeline fließen.