Brüssel/Helsinki. (apa/hes) Niedrige Schulden, kaum Arbeitslose, beste Bonität: Finnland ist ein Musterschüler der Eurozone. Jetzt ist der Primus allerdings in Schwierigkeiten. Die jüngsten Konjunkturdaten für das zweite Jahresviertel weisen gegenüber dem Vorquartal ein sattes Minus von 1,0 Prozent aus. Einige Ökonomen sagen, Finnland sei bereits in der Rezession - davon wird meist bei zwei negativen Quartalen in Folge gesprochen.
Die Probleme der Skandinavier könnten politische Folgen für die gesamte Eurozone haben: Je mehr die Wirtschaft unter Druck kommt, umso größer wird der Ärger der Bevölkerung. Die Hilfen für Krisenländer der Europeripherie sind extrem unpopulär - nicht zuletzt, weil die Nachbarstaaten Schweden und Dänemark als Euro-Verweigerer und Norwegen als Nicht-EU-Land keine vergleichbaren Lasten zu stemmen haben.
Die kleine und extrem exportorientierte Volkswirtschaft hat zwar massiv vom Euro und Handel im EU-Binnenmarkt profitiert. Dennoch: "Niemand mag die Rettungsaktionen", sagte jüngst Regierungschef Jyrki Katainen. Das nordische Land zählt zum "Stabilitätsblock" rund um Deutschland, Niederlande und (mit Abstrichen) Österreich. Die Finnen haben als einziges Land Sicherstellungen im Gegenzug für ihre Hilfszusagen gefordert - und erhalten. Für die Bankenhilfe in Spanien gab es zuletzt nur eine knappe Parlamentsmehrheit - dank eines umstrittenen Zusatzabkommens, wonach sich die spanische Regierung auf Garantien verpflichtet. Ein länger dauernder Wirtschaftsabsturz könnte der Regierung weitere Hilfszusagen verunmöglichen. Schon jetzt erhält die Partei der europakritischen Wahren Finnen starken Zulauf.
Woher kommen die Probleme Finnlands? Die stark vernetzte Exportwirtschaft leidet zum einen unter dem Konjunktureinbruch der Eurozone. Zum anderen ist das international bekannteste Unternehmen, Nokia ein Sinnbild für die Probleme. Der einstige Weltmarktführer der Handyhersteller hat die Smartphone-Entwicklung verschlafen. Im zweiten Quartal schrieb Nokia 1,44 Milliarden Euro Verlust. Jetzt soll ein Deal mit Microsoft das Ruder herumreißen. Angeblich stellt Nokia am 5. September in New York ein Smartphone mit dem neuen Betriebssystem Windows 8 und einen Tabletcomputer vor.
Mehr Zeit für die Griechen?
Die Eurozone bereitet sich auf einen kritischen Herbst vor - mit einem Besuchsreigen. Am 23. August treffen sich François Hollande und Angela Merkel in Berlin. Der griechische Premier Antonis Samaras, der zuvor Eurogruppenchef Jean-Claude Juncker besucht, stößt einen Tag später dazu. Im Gepäck hat er die Bitte, die Sanierungsfrist für Griechenland möge um zwei Jahre (bis 2016) verlängert werden. Deutschlands Außenminister Guido Westerwelle schließt Gespräche nicht aus. "Mit der in den Wahlkämpfen verlorenen Zeit muss umgegangen werden", sagte er zum "Spiegel". Eine substanzielle Lockerung der Reformen dürfe es aber nicht geben.