Brüssel/Wien. (hes) Es klingt paradox, doch der Euroraum ist wirtschaftlich stark wie selten zuvor: Die Handelsbilanz für Juni wies einen überraschend großen Überschuss von 14,9 Milliarden Euro im Warenverkehr mit der restlichen Welt auf. Ökonomen hatten lediglich 9,5 Milliarden erwartet. Das Plus hängt damit zusammen, dass die Importe in die Eurozone stagnierten, während die Ausfuhren zunahmen - vor allem, aber nicht nur dank deutscher Exporte. EU-weit war die Bilanz mit 0,4 Milliarden Euro plus im Juni fast ausgeglichen.
Der Überschuss der deutschen Warenexporte wies von Jänner bis Mai kumuliert knapp 75 Milliarden Euro auf, gefolgt von den Niederlanden (20 Milliarden) und Irland (17 Milliarden Euro). Die EU-weit größten Defizite verbuchten Großbritannien (61 Milliarden Euro) und Frankreich (36 Milliarden). Österreichs Handelsbilanzsaldo war mit minus 3,2 Milliarden Euro ebenfalls negativ.
Die Schlagzeilen dominierte jedoch nicht die Handelsmacht des Euroraums, sondern einmal mehr dessen potenzieller Zusammenbruch. Und das, obwohl der Anstoß für die hitzige Debatte banal war. "Unsere Behörden haben, wie alle anderen, eine Art Maßnahmenplan für jede Eventualität entwickelt", hatte Finnlands Außenminister Erkki Tuomioja zum "Daily Telegraph" gesagt. Dazu zähle eben auch ein Auseinanderbrechen der Eurozone. "Das ist nicht etwas, das jeder in Finnland befürwortet, geschweige denn die Regierung. Aber wir müssen vorbereitet sein", so Tuomioja. Etliche Medien kolportierten die Aussagen so, als habe er das Auseinanderbrechen der Eurozone prophezeit. Obendrein hatten Nachrichtenagenturen noch die Zitate mit Aussagen des Euro-skeptischen Radikaloppositionellen Timo Soini von der Partei "Wahre Finnen" verwechselt. Dieser hatte spekuliert, ein Euro-Kollaps sei nur eine Frage der Zeit: "Entweder der Süden oder der Norden wird wegbrechen." Die Währung sei wie eine Zwangsjacke, die Millionen Menschen in Not bringe und die Zukunft Europas zerstöre.
Kanzler gegen Rauswurfidee
Eine verkehrte Politwelt präsentiert sich in Österreich. Während Kanzler Werner Faymann Europa in Schutz nimmt, kehrt Vizekanzler Michael Spindelegger den Hardliner hervor - zur selben Zeit, wo Frank Stronach eine Partei der Euro-Verweigerer um sich schart. "Die EU muss Zähne zeigen dürfen", bekräftigte der ÖVP-Chef am Freitag abermals seine Forderung nach einer Änderung des EU-Vertrags. Als letzte Konsequenz müsse darin der Ausschluss eines Landes aus der Eurozone vorgesehen sein. "Ein Investor muss sehen, dass eine andere Art der Union auch Konsequenzen tragen kann, dann gibt es wieder Vertrauen in den Euro." Derzeit ist ein Austritt aus der Eurozone vertraglich nicht vorgesehen.
"Die negativen Folgen des Zerbrechens der Eurozone würden allfällige Vorteile für einzelne Länder bei weitem übersteigen", kontert Faymann: "Einen Rauswurf kann ich daher nicht empfehlen." Es würde zudem eine EU-Vertragsänderung mit Volksabstimmung brauchen, wollte man ein Land aus der Währungszone drängen. Ein Staatsbankrott eines Eurolandes hätte unabsehbare Folgewirkungen für ganz Europa und Österreich, warnt Faymann. Sinnvoll wären hingegen eine strengere Bankenaufsicht mit Durchgriffsrechten, die Regulierung der Finanzmärkte, die Finanztransaktionssteuer und Schritte zur gemeinsamen Schuldenbewirtschaftung.
"Die EU-Kommission arbeitet nicht an einer Aufteilung der Eurozone oder an Notfallplänen oder an einem Grexit (Griechenland-Exit) oder daran, dass irgendein anderes Land die Währungsunion verlässt", sagte Kommissionssprecher Olivier Bailly in Brüssel.
Nächste Woche startet wieder eine Reihe hochrangiger Treffen. Am Donnerstag empfängt die deutsche Kanzlerin Angela Merkel Frankreichs Präsident François Hollande in Berlin. Einen Tag später kommt der griechische Ministerpräsident Antonis Samaras, der am Samstag mit Hollande in Paris spricht. Schon am Dienstag empfängt Samaras Eurogruppenchef Jean-Claude Juncker in Athen. Die Griechen wollen eine Fristerstreckung für ihren Spar- und Reformkurs bis 2016 erbitten. Dafür wären aber weitere Hilfszusagen der internationalen Geldgeber nötig.
Die einzige Geldquelle sind für Athen momentan In-Sich-Geschäfte, welche die griechische Notenbank mit den lokalen Banken und dem Staat abwickelt. Ende Juni verfügte Athen nur noch über knapp 3,5 Milliarden Euro Bares in der Staatskasse. Die Staatsverschuldung stieg auf 303,5 Milliarden Euro.