Frankfurt. Die Abwicklung von Neckermann hat begonnen. Das Amtsgericht Frankfurt eröffnete heute die Insolvenzverfahren über den Versandhändler, nachdem in monatelangem Ringen kein Investor für das 62 Jahre alte Unternehmen gefunden werden konnte. Für die von der Auflösung Betroffenen ist das Kapitel Neckermann aber noch nicht vorbei: Sie werfen dem bisherigen Eigentümer schwere Verfehlungen vor.
Etwa 2.000 Beschäftigte am Stammsitz Frankfurt und in einer Niederlassung in Sachsen-Anhalt haben mit der Auflösung des Unternehmens ihre Jobs verloren. Speziell die Umstände dieser tragischen Entwicklung treibt die Mitarbeiter aber nun auf die Barrikaden. Der amerikanische Finanzinvestor und Neckermann-Eigentümer Sun Capital habe sich laut einem Gastbeitrag von Aufsichtsratsmitglied Wolfgang Thurner in der "Financial Times Deutschland" hartnäckig geweigert, den Beschäftigten durch Abfertigungen entgegenzukommen: "Was keine kurzfristige Rendite bringt, wird abgestoßen, ohne Rücksicht auf die Beschäftigten."
Die Arbeitgeberseite habe keinen gesunden Menschenverstand gezeigt und die übliche Suche nach einem sozialverträglichen Kompromiss schlicht negiert. Thurner bezieht sich auf Verhandlungen des Eigners mit den Arbeitnehmern über die Senkung der Personalkosten. Dabei habe Sun Capital keine Kompromissbereitschaft gezeigt und Neckermann stattdessen in die Pleite geschickt.
"Schonungsloses Urteil"
Harsche Kritik an der Führung des Unternehmens kam auch von potenziellen Investoren - sie hatten laut Frege ein "schonungsloses Urteil" über den Versandhändler gefällt, kritisierten den massiven Investitionsstau und schreckten auch vor möglichen Kündigungsschutzklagen von Mitarbeitern zurück. Das Geld für eine Transfergesellschaft, um das Risiko zu minimieren, fehlte.
Den Gläubigern Neckermanns macht der Verwalter indes wenig Hoffnung. Im ersten Halbjahr habe Neckermann jeden Monat rund 20 Millionen Euro Verlust verbucht. "Die Betriebskosten haben jeden Gewinn aufgesogen", sagte Frege. "Wir hätten nicht einmal mehr den nächsten Monatslohn für die Mitarbeiter überweisen können." Der Anwalt kündigte an, beim Insolvenzgericht die drohende Masseunzulänglichkeit zu erklären.
Überlebt Neckermann als Marke?
Die traditionsreiche Marke Neckermann könnte trotz der Abwicklung indes weiter existieren. "Die Chancen stehen nicht schlecht, dass der Name Neckermann überlebt", sagte Insolvenzverwalter Michael Frege der "WirtschaftsWoche". Im Oktober will der Verwalter ein isoliertes Bieterverfahren für die Kundendaten, Web-Adressen und Markenrechte des Konzerns starten. Eine Reihe von Investoren soll bereits Interesse signalisiert haben. Für die Job-Perspektiven der ehemaligen Mitarbeiter zeigte sich Frege zumindest in Einzelfällen zuversichtlich. "Wir gehen davon aus, dass zwischen 200 und 300 Mitarbeiter sofort bei einem neuen Arbeitgeber starten werden."
Neckermann hatte mit seinem Kataloggeschäft und dem berühmten Slogan "Neckermann macht's möglich" über Jahrzehnte den Versandhandel in Deutschland geprägt. Auf das boomende Internetgeschäft hatte der Konzern aber zu spät gesetzt.