• vom 20.02.2013, 18:05 Uhr

International


Saskia Sassen

Nächtens durch die Wall Street




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Von Thomas Seifert

  • Die Soziologin und Ökonomin Saskia Sassen will zeigen, dass die scheinbar Machtlosen Geschichte machen
  • Von der "globalen Stadt" zur "globalen Straße": Sassen sieht überall "Vertreibung".

Sassen: "Ich frage mich, was an den Rändern passiert."

Sassen: "Ich frage mich, was an den Rändern passiert."© T. Seifert Sassen: "Ich frage mich, was an den Rändern passiert."© T. Seifert

"Wiener Zeitung": "Vertreibung" ist ein zentrales Thema in Ihren Büchern und Vorträgen.

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Saskia Sassen: Es geht um unterschiedliche Trends: Die Ungleichheit nimmt zu, die Armut ebenso, und wir haben immer mehr Menschen, die aus ihren Häusern geworfen werden. Immer mehr, die in Gefängnissen sitzen. All diese Trends haben sich in den vergangenen 30 Jahren verstärkt. Es gibt eine Reihe afrikanischer Nationen, die vor 30 Jahren besser dran waren als heute. Ich habe den Begriff der "Vertreibung" gewählt, weil man, um diese Zunahme an Leid in der Welt abzubilden, eine deutlichere Sprache wählen muss.

Saskia Sassen: Hat die Stadt eine Stimme?

Saskia Sassen: Hat die Stadt eine Stimme?© T. Seifert Saskia Sassen: Hat die Stadt eine Stimme?© T. Seifert

In der keynesianischen Periode waren wir mit diesen Problemen viel weniger konfrontiert. Und nun: Tahrir-Platz, die Indignados, Occupy Wall Street - diese Unzufriedenen sind Menschen aus der Mittelschicht, die versucht haben, nach den Regeln zu spielen. Aber der soziale Vertrag wurde aufgekündigt. Das Versprechen auf das gute Leben bleibt uneingelöst. Diese Geschichte hat freilich ihren Ursprung in einer Erwartung von Privilegien und Aufstieg. Die Reichen bleiben von diesen Problemen verschont und die Armen waren schon immer in einer schwierigen Situation. Aber die Mittelschicht sagt heute: "Oh mein Gott, wir sind aus diesem versprochenen Paradies vertrieben worden!"

Da schwingt marxistische Terminologie mit: Sie sprechen von "Vertreibung" - auf der anderen Seite geht es um "Aneignung". Haben Sie sich darüber Gedanken gemacht?

Ich komme aus Südamerika. Da hat man schon immer in diesem Kontext gedacht. Aber mich interessiert die Zone der Macht weniger als die Verfasstheit der Machtlosen. Denn meist ist das Narrativ wie folgt: Hier sind also die Machtlosen, sie haben keinen Einfluss auf die Geschichte. Doch ist das wirklich der Fall? Mir geht es auch darum zu zeigen, dass auch die scheinbar Machtlosen Geschichte machen. Ich frage mich, was an den Rändern des Systems passiert.

Was passiert dort?

Als ich nach New York kam und dort begonnen habe, über die "Global City" nachzudenken, habe ich versucht, mehr über die Hochfinanz zu erfahren. Einer der Banker, mit denen ich gesprochen hatte, sagte zu mir: "Wenn Sie wissen wollen, wie das Finanzsystem funktioniert, dann gehen Sie an die Wall Street. Aber gehen Sie in der Nacht - während des Tages gehört die Straße uns." Können Sie sich diesen Macho vorstellen? Aber: Ich habe den Rat des Bankers befolgt, ich bin in der Nacht durch die Wall Street gestreift.

Und wen haben Sie dann dort angetroffen?

Reinigungspersonal. Diese Leute waren damals alle aus der Dominikanischen Republik. Also fragte ich sie: "Welche Büros putzt Ihr da eigentlich?" Es waren die Büros von Goldman Sachs, von allen möglichen Investment-Banken. Damals sind ja die großen Wall-Street-Banken aus der Stadt gezogen. Aber die Einwanderer haben mir gezeigt, dass sich eine neue Ökonomie aus der alten entwickelt. Viele große Banken verlegten tatsächlich ihre Büros aus der Stadt. Aber gleichzeitig entwickelte sich eine völlig neue Landschaft in der Finanzdienstleistungsbranche.

Sie haben den Begriff der "Global Street" geprägt. Was ist die "Global Street"?

Auf der einen Seite ist das ein physischer Ort, das kann aber auch ein digitaler Ort sein. Die "Global Street" ist eine Zone, die nicht von einer Geschichte geprägt ist, wo man bestimmte Dinge auf eine bestimmte Weise tut. Die "Global Street" folgt neuen Regeln.

Sprechen wir über die physischen Orte...

Die "Global Street" entsteht, wenn jemand von seinem Land vertrieben wird. Wenn diese Menschen dann im Slum landen, dann ist der Slum ihr neues Zuhause. Wenn jemand bereits in der dritten Generation im Slum lebt, dann nimmt dieser Jemand sein Schicksal als gegeben hin. Aber die Neuzuzügler? Eher nicht. Vor allem, wenn dieser Slum von einer neuen Generation von Slumbewohnern bevölkert wird, die bereits politisiert im Slum ankommen. Die Gewalt, die ihnen etwa bei der Vertreibung von ihrem Land angetan worden ist, prägt diese Menschen. Und so sind die Slums heute Orte der Transformation - auch der politischen Transformation - geworden. Die globalen Slums kommunizieren heute auch über Ländergrenzen hinweg miteinander, es ist ein neues Bewusstsein entstanden, das durch die neuen Kommunikationsmittel genährt wird. Ein Beispiel: Ich war einmal in den Slums von Buenos Aires und da sagte einer der Müllverwerter: "Señora, nosotros somos empresarios ecológicos" - "Liebe Frau, wir sind ökologische Entrepreneure." Da hat der Mann recht, so können sich Müllsammler zu Recht verstehen. Von den Slumbewohnern wurde schon immer Abfall gesammelt. Aber heute gibt es eine neue Generation, die ein neues Bewusstsein hat.

Die neue Geopolitik ist eine urbane Geopolitik, sagen Sie. Was meinen Sie damit?

Es geht nicht um China, es geht um Shanghai, Peking, Guangzhou und Chongquing. In der EU um Frankfurt, Brüssel und Berlin. Brüssel wäre freilich nicht bedeutsam, wenn es nicht die Hauptstadt der Europäischen Union wäre. Und wenn wir eines Tages die globalen sozialen Fragen ernst nehmen, dann entstünde eine neue urbane Landschaft, weil bestimmte Städte bestimmte Kompetenzen haben und hervortreten würden: Das sind Städte wie Wien, Genf oder Nairobi. Genf steht für globale Gesundheit, schließlich ist Genf der Sitz der Weltgesundheitsorganisation WHO. Wien hat ein Bündel von Fähigkeiten für die verschiedensten internationalen Fragen. In Nairobi ist die UN-Urban-Organisation Habitat angesiedelt, dort sind Kompetenzen zu einer besseren Zukunft der Städte zu finden.

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Dokument erstellt am 2013-02-20 18:08:05



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