• vom 05.06.2013, 19:53 Uhr

International

Update: 06.06.2013, 10:19 Uhr

Martin Wolf

Als die Banken-Dominosteine purzelten




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Von Thomas Seifert

  • Begünstigte der Bankenrettung sind Banker Kerneuropas
  • Von der Gläubiger-Verantwortung und der Schuld der Kreditnehmer. Ein Essay.



Wien. Die Märchen, die seit 2008, dem Jahr der Lehman-Pleite, am liebsten erzählt werden, sind die von Staaten, die immense Schulden angehäuft haben. Es sind Märchen von faulen Südländern und fleißigen Nordländern, von verantwortungsbewussten Nordländern und sorglosen PIIGS - Portugiesen, Italienern, Iren, Griechen, Spaniern.

Das Narrativ ist simpel: Der Süden hat über seine Verhältnisse gelebt, nun muss der Norden Europas die Südländer mit milliardenschweren Hilfspaketen und billigem Geld der Europäischen Zentralbank "retten".

Information

  • (hes) Das Platzen der Blase am US-Häusermarkt trifft als Erstes den Hypothekenfinanzierer New Century Financial: Er meldet im Februar 2007 Insolvenz an.
  • Juni 2007: Zwei Hedgefonds der US-Investmentbank Bear Stearns straucheln.
  • August 2007: In Deutschland geraten erste Banken in die Bredouille: die Mittelstandsbank IKB und die Sachsen Landesbank, die WestLB und Hypo-Kärnten-Mutter BayernLB.
  • September 2007: Kunden stürmen die Schalter der britischen Northern Rock. Sie wird verstaatlicht.
  • März 2008: JPMorgan Chase übernimmt und rettet so die Investmentbank Bear Stearns – mit Hilfe der US-Notenbank.
  • 6. September 2008: Washington übernimmt die Kontrolle bei den Immo-Finanzierern Fannie Mae und Freddie Mac.
  • 15. September 2008:Lehman Brothers meldet Insolvenz an, die Bank of America kauft die strauchelnde Merrill Lynch.
  • 17. September 2008: Die US-Notenbank rettet den Versicherungsgiganten AIG mit einem Kredit von 85 Milliarden Dollar.
  • 30. September 2008: Irlands Regierung bürgt mit bis zu 400 Milliarden Steuergeld für die Einlagen der 6 größten Banken.
  • September/Oktober 2008: Berlin übernimmt schrittweise den Immobilien- und Staatsfinanzierer Hypo Real Estate.
  • Oktober 2008: Berlin garantiert alle privaten Spareinlagen im Wert von 568 Milliarden Euro, schnürt ein 500-Milliarden-Hilfspaket. Österreichs Bankenpaket umfasst 100 Milliarden Euro. In Wien wird die Constantia Privatbank aufgefangen. Island verstaatlicht Kaupthing, Landsbanki und Glitnir.
  • November 2008: Kommunalkredit wird notverstaatlicht.
  • 14. Dezember 2009: Finanzminister Josef Pröll verkündet die Notverstaatlichung der Hypo Alpe Adria.
  • November 2010: Irland bittet den Euroschirm um Hilfe. Die Kosten zur Rettung von Anglo Irish, Allied Irish und Bank of Ireland waren explodiert.
  • Oktober 2011: Frankreich und Belgien fangen die in Griechenland exponierte Dexia auf.
  • April 2012: Österreich rettet die Volksbanken AG (ÖVAG) durch Teilverstaatlichung.
  • Mai 2012: Madrid verstaatlicht das viertgrößte Geldhaus Bankia, beantragt im Juni 40 Milliarden ESM-Bankenhilfe.
  • März 2013: Zyperns größte Institute Bank of Cyprus und Laiki (Popular) Bank werden restrukturiert und abgewickelt. Erstmals werden Gläubiger und Anleger zur Kasse gebeten.

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Die Parade-Beispiele sind wohlbekannt: Als Beleg wird mit dem Finger auf Geisterstädte wie das rund 80 Kilometer südlich von Madrid gelegene Seseña gezeigt - oder auf den 150-Millionen-Euro-Geisterflughafen Castellón-Costa Azahar in der Region Valencia, auf dessen Start- und Landepiste seit der Zeit der Flughafen-Fertigstellung im März 2011 noch nie eine einzige Maschine gelandet ist.

Doch so einfach ist es nicht. Fakt ist zwar, dass in den Bubble-Jahren der größten Immobilienblase der Weltgeschichte in den USA und Europa Milliarden in den Bau von Immobilien und Großprojekten gesteckt wurden. Doch der Teil des Märchens, der meist nicht erzählt wird, ist die Geschichte von der Verantwortung von Gläubigern.

Bei der Vergabe eines Kredits trägt nämlich nicht nur der Schuldner Verantwortung dafür, dass er seine aushaftende Schuld zurückzahlen kann, sondern auch der Gläubiger, der überprüfen muss, ob der Kreditnehmer auch über die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit zur Schuldentilgung verfügt.

Doch in den Jahren der Blase galten in den meisten Banken die Risiko-Abteilungen als schnöde Spielverderber. Banken gaben sorglos Kredit, zum Teil auch, weil neue Finanzprodukte, sogenannte Collateralized Debt Obligations, es ihnen ermöglichten, die Kredite in ein Wertpapierportfolio zu bündeln und an Anleger weiterzuverkaufen.

In den drei Jahren bis Anfang 2008 wurden allein in Spanien rund 322 Milliarden Euro neue Schulden bei deutschen und französischen Kreditgebern gemacht, wobei das meiste davon in Immobilien investiert wurde.

"Sie schwammen im Geld"

Der ehemalige Präsident der "Caja Granada", Juan Rodriguez, erzählte in der kürzlich auf "Arte" ausgestrahlten TV-Dokumentation "Staatsgeheimnis Bankenrettung" dem deutschen "Tagesspiegel"-Journalisten Harald Schumann: "Ich war als Sparkassenpräsident 2001 und 2002 in Deutschland, um dort Geld zu beschaffen. Die deutschen Banken schwammen nur so im Geld." Schnitt.



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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2013-06-05 19:56:06
Letzte Änderung am 2013-06-06 10:19:55



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