• vom 29.05.2014, 15:25 Uhr

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Update: 29.05.2014, 17:20 Uhr

Ungleichheit

Jackpot in der Geburtslotterie




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Von Wilfried Altzinger

  • Wer reich ist, wird reicher, doch der Aufstieg aus der Mittel- und Unterschicht wird immer schwerer.

Auf der Jacht urlauben die einen, von der Hand in den Mund leben die anderen. Die Kluft zwischen beiden Polen wird tiefer.

Auf der Jacht urlauben die einen, von der Hand in den Mund leben die anderen. Die Kluft zwischen beiden Polen wird tiefer.© Fotos: Halfpoint, WZ Grafik Auf der Jacht urlauben die einen, von der Hand in den Mund leben die anderen. Die Kluft zwischen beiden Polen wird tiefer.© Fotos: Halfpoint, WZ Grafik

Wien. In den vergangenen drei Jahrzehnten zeigt sich für die meisten OECD-Länder, darunter auch Österreich, ein starkes Auseinanderdriften der Einkommen. Neben der Verteilung von Einkommen werden zunehmend auch Ausmaß sowie Verteilung des privaten Vermögens diskutiert. Nach Berechnungen der Universität Linz macht das private Nettovermögen der Haushalte in Österreich mit rund 1300 Milliarden Euro den rund 4,5-fachen Wert der jährlichen Wirtschaftsleistung der österreichischen Volkswirtschaft aus. Dieser Wert hat sich in den OECD-Ländern in den vergangenen 20 Jahren verdoppelt. Das Privatvermögen hat somit enorm an Bedeutung gewonnen. Studien der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB) und der Europäischen Zentralbank (EZB) zeigen, dass Vermögen in Österreich besonders stark konzentriert ist. Die wohlhabendsten 20 Prozent aller Haushalte besitzen drei Viertel des Bruttovermögens, auf die untere Hälfte der Haushalte entfallen hingegen nur vier Prozent. Da mittels der Anlage von Vermögen auch Kapitalerträge erzielt werden, die nicht nur in Österreich einen zunehmenden Anteil an den gesamten (Lohn- und Kapital-) Einkommen ausmachen, sind Entwicklung und Verteilung der Vermögen sowie ihre Übertragung durch Erbschaft oder Schenkung ein zentraler verteilungspolitischer Eckpunkt.

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Wilfried Altzinger (ao. Univ.Prof. am Department Volkswirtschaft der WU Wien) ist Mitorganisator der Konferenz "Economics of Inequality".

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Doch ein weiteres Faktum sollte nicht übersehen werden: Wer reich und wohlhabend ist, verfügt auch über einen Startvorteil im Leben. Dabei ist Chancengerechtigkeit in allen Verfassungen demokratischer Staaten festgeschrieben. So liest man in der österreichischen Bundesverfassung: "Alle Staatsbürger sind vor dem Gesetz gleich. Vorrechte der Geburt, des Geschlechtes, des Standes, der Klasse und des Bekenntnisses sind ausgeschlossen. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden. Die Republik (Bund, Länder und Gemeinden) bekennt sich dazu, die Gleichbehandlung von behinderten und nichtbehinderten Menschen in allen Bereichen des täglichen Lebens zu gewährleisten."

Branko Milanovic, Ökonom und Verteilungsexperte bei der Weltbank, stellt in einer neuen Studie fest, dass 80 Prozent der weltweiten Einkommensungleichheiten durch den "Ort der Geburt und der Familie" festgelegt werden. Klarerweise sind die Entwicklungsmöglichkeiten für ein Neugeborenes in Nigeria andere als jene in Österreich. Dies widerspricht dem Prinzip einer globalen Chancengleichheit fundamental. Obwohl in den vergangenen Jahrzehnten weltweit eine starke Liberalisierung des Güter- und Kapitalverkehrs stattgefunden hat, gibt es weder eine Liberalisierung des Personenverkehrs noch internationale Institutionen, die die Prinzipien einer globalen Chancengleichheit forcieren können. Auf internationaler Ebene herrscht eine große Asymmetrie zwischen ökonomischem und politischem Gestaltungswillen.

Chancengerechtigkeit ist
eine Illusion

Wie sieht es aber mit der Verwirklichung des Prinzips der Chancengerechtigkeit auf nationaler Ebene aus? Eine Studie zur Bildungsmobilität zwischen Eltern und deren Kindern, die gemeinsam von der Statistik Austria und dem Institut für Makroökonomie an der WU Wien durchgeführt wurde, zeigt, dass 54 Prozent der Kinder von Eltern mit akademischem Abschluss auch selbst wiederum einen akademischen Abschluss erlangen. Das gelingt nur sechs Prozent der Kinder von Eltern mit Pflichtschulabschluss. Da jedoch die individuelle Ausbildung stark die späteren Einkommens- und Lebensverläufe bestimmt, werden durch eine hohe Bildungspersistenz auch Einkommensungleichheiten stark vorherbestimmt.

Neben der Ausbildung entscheidet über die Lebensperspektive von (Klein-)Kindern aber auch der Besitz von Vermögen. Mit Vermögen sind nicht nur bessere Startchancen auch bezüglich der Bildungsmöglichkeiten, höhere Einkommensmöglichkeiten, größere soziale Sicherheit sowie weitreichende Entscheidungsfreiheiten verbunden, sondern letztlich auch politischer Gestaltungsspielraum. Die ungleiche Vermögensverteilung wird durch die Übertragung von Vermögen über Generationen noch verstärkt. Während im untersten Fünftel der Vermögensverteilung nur zehn Prozent aller Haushalte eine Erbschaft erhalten, sind es im obersten Fünftel zwei Drittel aller Haushalte. Dabei betrug das durchschnittliche Erbvermögen im unteren Fünftel der Haushalte im Durchschnitt lediglich 14.000 Euro, im obersten Fünftel dagegen 236.000 Euro. Vermögensungleichheiten werden daher durch die Vererbung von Vermögen perpetuiert und verstärkt.

Diese Beispiele zeigen, dass Chancengerechtigkeit, definiert als Entwicklungsperspektiven unabhängig von der familiären Herkunft, nicht nur auf der internationalen Ebene, sondern auch in Österreich nur unzureichend gegeben ist. Studien zeigen darüber hinaus, dass Länder mit hohen Einkommensungleichheiten auch hohe Chancenungleichheit aufweisen. So sind es jene Länder mit den größten Einkommensungleichheiten, in denen auch die soziale Mobilität am geringsten ist. Demgegenüber weisen vor allem die nordischen Länder Schweden, Dänemark, Norwegen und Finnland neben einer (relativ) hohen Einkommensgleichheit auch die höchste soziale Mobilität auf.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2014-05-29 15:29:06
Letzte ─nderung am 2014-05-29 17:20:50



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