• vom 03.02.2016, 17:47 Uhr

International

Update: 03.02.2016, 20:18 Uhr

Übernahme

Griff nach Innovation




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Von WZ-Korrespondent Finn Mayer-Kuckuk

  • ChemChina will Rekordsumme für Schweizer Agrarchemie-Konzern Syngenta zahlen.

Die Chinesen wollen bei Syngenta in Basel einziehen. - © apa/afp/Michael Buholzer

Die Chinesen wollen bei Syngenta in Basel einziehen. © apa/afp/Michael Buholzer

ChemChina-Chef Ren kennt sich mit Übernahmen aus.

ChemChina-Chef Ren kennt sich mit Übernahmen aus.© ap ChemChina-Chef Ren kennt sich mit Übernahmen aus.© ap

Peking. Der Konzern gehört dem Staat, doch der Chef ist ein echter Unternehmer. Ren Jianxin, 58 Jahre alt, steht seit drei Jahrzehnten an der Spitze von ChemChina. Er hat das Unternehmen mit einem Startkapital von lediglich 1000 Euro gegründet, jetzt bietet er knapp 40 Milliarden Euro für den Schweizer Agrarchemie-Spezialisten Syngenta - eine Rekordsumme für Chinas Auslandsübernahmen.

Syngenta ist damit der vorläufige Höhepunkt einer ganzen Reihe hochkarätiger Übernahmen. Dem Unternehmen gehören zum Beispiel bereits der Reifenhersteller Pirelli, der Maschinenbauer KraussMaffei und ein Dutzend weiterer etablierter Marken. In allen Fällen verfolgt Firmenchef Ren eine nachhaltige Strategie der vorsichtigen Geschäftsentwicklung. ChemChina soll schnell international wachsen - aber nur durch sinnvolle Übernahmen, bei denen die Identität des Kaufobjekts erhalten bleibt. "Die Führungsriege darf weitgehend unbehelligt weiterarbeiten", versprach Ren bei der Übernahme von KraussMaffei. Das Versprechen gilt nun auch für Syngenta.

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Wíchtiger Mann für Regierung
Ren hat schon über 100 Übernahmen durchgezogen und gilt als Vollprofi in dem Geschäft. Er stammt ursprünglich aus einer bitterarmen Bergbauregion nahe der Wüste Gobi, wo es ihm gelang, einen Studienplatz in Wirtschaftswissenschaften an der örtlichen Uni zu ergattern. Im Jahr 1984 hat Ren sich Geld geliehen, um die Firma Bluestar zu gründen. Er sah eine Marktlücke im Geschäft mit Profi-Reinigung von Industrieanlagen und -teilen. Die ersten Aufträge betrafen Teekessel in der Gastronomie, die Ren und seine Freunde anfangs noch selber für drei Cent pro Stück saubermachten. Dann kamen Heizkessel hinzu, als Nächstes Industrieanlagen. Schließlich der Durchbruch: Bluestar erhielt einen dicken Staatsauftrag für die Reinigung von Startrampen für das chinesische Weltraumprogramm.

Wenig später stand ein maroder Staatsbetrieb aus der Chemiebranche zum Verkauf - und ein örtlicher Wirtschaftspolitiker bat Ren, die Firma zu übernehmen und zu sanieren. Ren erhielt sie billig und brachte sie auf Vordermann. Später gab der Staat weitere Sanierungsobjekte an ihn ab. Er benannte die Firma in China National Chemical Corporation um, kurz ChemChina. Das Unternehmen wuchs zum Konzern. Die einzelnen Teile werden durch Bezüge zum Chemiegeschäft zusammengehalten.

So wurde aus dem umtriebigen Unternehmer Ren der Chef eines Staatskonglomerats, das direkt der Zentralregierung unterstellt ist. Dieser Lebensweg ist in China eher ungewöhnlich. Die Chefs der Staatsbetriebe sind meist biedere Kader der Kommunistischen Partei. Dank seines Geschicks bei Übernahmen und ihrer Integration in die Konzernstrukturen ist Ren für die chinesische Führung gleichwohl unverzichtbar.

ChemChina macht heute über 40 Milliarden Euro Umsatz und beschäftigt 140.000 Mitarbeiter. Damit fällt der Konzern ungefähr in die Größenklasse des deutschen Pharmaunternehmens Bayer. Die jüngste Welle von Zukäufen zeigt zwei aktuelle Trends der chinesischen Wirtschaftswelt. Die Regierung ermutigt die großen Firmen derzeit, zu fusionieren und dadurch noch größer zu werden. Sie will global schlagkräftige Spieler schaffen. "Während im Westen die Bildung diversifizierter großer Konzerne aus der Mode gekommen ist, hat China hier keine Vorbehalte", sagt Wirtschaftsprofessor Klaus Meyer vom Centre for Globalisation of Chinese Companies an der China Europe International Business School in Shanghai.

Der zweite Trend sind internationale Zukäufe. Es geht hier vor allem darum, die gewaltigen Kapitalreserven des Landes in sinnvolle Projekte zu stecken - die Krise des einheimischen Aktien- und Immobilienmarktes verstärkt die Neigung zu Auslandsinvestitionen noch. Im Jahr 2015 lagen die chinesischen Auslandsinvestitionen nach Zahlen des Handelsministeriums bei 128 Milliarden Euro, ein Viertel mehr als im Jahr davor. Experten des Forschungsinstituts Merics in Berlin sprechen von einer "neuen Ära des chinesischen Kapitals". Staatschef Xi Jinping hat für die kommende Dekade internationale Investitionen in Höhe von 1,2 Billionen Euro angekündigt.

Eine Übernahme durch China muss keine Katastrophe für die Belegschaft sein - im Gegenteil: "Die Investoren aus Fernost denken wesentlich langfristiger als reine Finanzinvestoren", sagt Meyer. Es gehe nicht darum, nur das Firmenwissen abzusaugen und eine leere Hülle zu hinterlassen. China wolle stattdessen lernen, wie die Europäer und Amerikaner Innovation betreiben. Dafür müssen die Firmen gesund bleiben. Ebenfalls wichtig für China: Marken mit internationalem Wiedererkennungswert. Ein Ziel ist also, dass das Profil der Übernahmeobjekte erhalten bleibt.

ChemChina-Chef Ren hat dabei eine besondere Abneigung gegen Entlassungen. Als er in den
1990er Jahren eine Reihe ineffizienter Firmen geschluckt hatte, wusste er mit dem überschüssigen Personal aus kommunistischer Zeit nichts anzufangen. Er gründete kurzerhand eine Schnellimbisskette. Das überschüssige Personal wurde umgeschult und kochte dann Nudeln bei "Mala Lamian".

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Schlagwörter

Übernahme, Syngenta, Schweiz, China

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-02-03 17:11:06
Letzte ─nderung am 2016-02-03 20:18:47



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