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International

Update: 19.12.2016, 18:06 Uhr

Vietnam

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Von Klaus Huhold

  • Vietnam schneidet beim Pisa-Test enorm gut ab und lässt wohlhabendere Nationen hinter sich.

Zeremonie zum Schulanfang: Wer in Vietnam mithalten will, muss viel Zeit mit Lernen verbringen. - © apa/afp/Hoang Dinh Nam

Zeremonie zum Schulanfang: Wer in Vietnam mithalten will, muss viel Zeit mit Lernen verbringen. © apa/afp/Hoang Dinh Nam

Hanoi/Wien. Wenn die Wissenschafterin Judith Ehlert abends durch die südvietnamesische Metropole Ho-Chi-Minh-Stadt - auch bekannt als Saigon - fährt, erlebt sie öfters Staus. Der Grund dafür ist oft ein ganz spezieller. "An den Schulen bilden sich Pulks von Eltern, die um acht, neun Uhr abends ihre Kinder abholen", berichtet die Forscherin vom Institut für Internationale Entwicklung der Universität Wien, die seit Jahren immer wieder in dem südostasiatischen Land arbeitet. Derartige Szenen spielen sich nicht nur unter der Woche ab, sondern auch am Wochenende.

Die Anekdote unterstreicht, wie viel Zeit und Geld in Vietnam in Bildung investiert werden. Zusätzliche Nachhilfestunden sind bei denen, die es sich leisten können, die Regel. Das spiegelt sich auch in den nun im Dezember veröffentlichten Ergebnissen zum Pisa-Test 2015 wider. Vietnam rangiert unter 72 Teilnehmern bei den Naturwissenschaften an achter Stelle. Der Mittelwert beträgt hier 493 Punkte, Vietnams Schüler kamen auf 525. Zum Vergleich: Österreichs Schüler holten 495 Punkte. Auch in Mathematik liegt der 93-Millionen-Einwohner-Staat über dem Durchschnitt. Nur bei der Lesekompetenz hinkt Vietnam hinterher.


Vietnam hat schon bei der vorangegangenen Pisa-Studie 2012 aufgezeigt und den Erfolg nun wiederholt. Das ist insofern überraschend, als dass Vietnam wesentlich wohlhabendere Industrienationen, etwa Deutschland oder Österreich, in einzelnen Bereichen hinter sich gelassen hat. In keinem Land, das bei Pisa so weit vorne rangiert, ist das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf so niedrig wie in Vietnam, 2015 betrug es rund 5900 Dollar pro Kopf.

Gründe dafür gibt es viele. Ausländische Lehrer verweisen etwa gerne auf den Konfuzianismus. Zwar ist Vietnam heute ein von der Kommunistischen Partei beherrschter Ein-Parteien-Staat, doch ist diese jahrhundertealte Tradition noch immer tief verwurzelt. Und im Konfuzianismus sind Leistung und Bildung hoch angesehen. Lehrer genießen bis heute ein hohes soziales Ansehen.

Aufstieg über Bildung
Hinzu kommt, dass für den vietnamesischen Staat Bildung Priorität hat. Kaum ein Land gibt verhältnismäßig so viel Geld für Bildung aus - laut dem Magazin "The Diplomat" fließen 21 Prozent der Staatsausgaben in den Bildungssektor. Diese Investitionen sollen auch den wirtschaftlichen Wandel anschieben. Der noch immer stark landwirtschaftlich geprägte Staat wird immer mehr zur Industrienation.

Deshalb hat Vietnam nicht nur "enorm große Fortschritte gemacht, was Bildung, Qualifikation und formale Abschlüsse anbelangt", sagt Ehlert. Es eröffnen sich auch neue Job- und Karrierechancen. "Die Möglichkeit, sozial aufzusteigen, ist heute größer als noch vor zehn Jahren", berichtet die Wissenschaftlerin. Und dieser Aufstieg läuft über Bildung. "Deshalb ist sie Eltern so wichtig."

Für den Wirtschaftsstandort wiederum scheint die Rechnung, für einen sich wandelnden Arbeitsmarkt auszubilden, teils bereits aufzugehen. So haben im Elektronikbereich japanische und südkoreanische Konzerne massiv in Vietnam investiert, das Land weist Wachstumsraten von um die sechs Prozent auf.

Das würde freilich auch daran liegen, dass Vietnam gegenüber anderen Ländern in der Nachbarschaft, wie China oder Thailand, einen Lohnvorteil besitze, analysiert der österreichische Wirtschaftsdelegierte Günther Sucher. Gleichzeitig aber scheinen die Konzerne auch das geeignete Personal zu finden. "Denn ohne Fachkräfte vor Ort würden diese Investitionen keinen Sinn machen."

Soziale Auslese
Hier setzen aber auch Kritiker des Bildungssystems an: Es würde zu stark auf den Arbeitsmarkt abzielen, es ginge mehr um Fertigkeiten als um Bildung in einem umfassenden Sinne. Musische und künstlerische Fächer würden kaum eine Rolle spielen.

Zudem sind der Konkurrenzdruck und soziale Auslese hoch. Wer sich zusätzliche Nachhilfestunden nicht leisten kann, kommt schnell nicht mehr mit dem Stoff mit. Auch das ist einer der Gründe für das gute Pisa-Abschneiden: Der Test evaluiert die Leistung der 15-Jährigen. In Vietnam ist da bereits ein Drittel der Jugendlichen aus dem Schulsystem aussortiert worden. Jugendliche, die aus ärmeren Haushalten kamen, sowie Jugendliche, die nicht mehr mithalten konnten.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-12-19 17:56:07
Letzte nderung am 2016-12-19 18:06:22



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