• vom 02.06.2017, 08:35 Uhr

International


EU-China-Gipfel

Neue Allianzen




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief





  • Während US-Präsident Donald Trump den alten Partnern in der EU mit handelspolitischer Abschottung droht, könnte China wichtigster Wirtschaftsverbündeter der Union werden. Beim Gipfel in Brüssel ist sogar ein Freihandelsabkommen im Gespräch.



Berlin/Brüssel. (ast) Hochrangige Vertreter von zwei der drei größten Volkswirtschaften und führenden Handelsnationen der Welt sitzen am Freitag in Brüssel an einem gemeinsamen Tisch - und die USA sind nicht dabei. Beim EU-China-Gipfel werden die Handelssupermächte über eine Vertiefung der bereits bestehenden Beziehungen sprechen. Neben dem derzeit viel diskutierten Klimaschutzthema geht es auch um Migration, Außen- und Sicherheitspolitik - und um den Ausbau der wirtschaftlichen Beziehungen.

Die EU ist bereits jetzt schon Chinas wichtigster Handelspartner, während die Volksrepublik nach den USA Platz zwei der wichtigsten Handelspartner der Union einnimmt. Täglich werden Waren im Wert von 1,4 Milliarden Euro zwischen den Ländern gehandelt. Die EU-Exporte betrugen im vergangenen Jahr 170 Milliarden Euro, die Importe aus China in die Union mit 345 Milliarden Euro hingegen mehr als das Doppelte.

Werbung

Klares Bekenntnis zu
freiem Welthandel

Da sich die USA unter Präsident Donald Trump mit seiner "America-First"-Ideologie zusehends aus Freihandelsplänen zurückziehen und abschotten, gewinnt die Achse EU-China aktuell immens an Bedeutung. Die großen Volkswirtschaften suchen sich neue Partner, mit denen sich internationale Probleme verlässlicher bearbeiten lassen.

Nach dem Antrittsbesuch von Trump in Brüssel hatte EU-Ratspräsident Donald Tusk vorige Woche gesagt, dass bei den Themen Handel und Klima - frustrierenderweise für die Unionsspitze - Fragen offen blieben. Die mangelnde Kooperationsbereitschaft Trumps könnte also durchaus der Beginn einer großen europäisch-chinesischen Allianz sein, die nun in Brüssel gefestigt wird.

Auch viele deutsche Wirtschaftsvertreter wünschen sich, dass aus der Krise mit den USA eine engere Annäherung mit China resultiert. Das liegt freilich an den zahlreichen Kooperationsabkommen, die deutsche Firmen wie Daimler, Bosch und VW bereits im Vorfeld des Gipfels unterschrieben haben.

Mit am meisten profitiert jetzt schon Deutschland vom chinesischen Riesenmarkt. Mit keinem anderen Land tauschte die Bundesrepublik im vergangenen Jahr so viele Waren aus. Seit 2001 haben sich die deutschen Ausfuhren nach China mehr als versechsfacht. Die großen Autohersteller wie VW, Daimler und BMW verkaufen bereits jedes dritte Auto weltweit nach China.

Der chinesische Ministerpräsident Li Keqiang und die deutsche Kanzlerin Angela Merkel haben bereits nach einem Treffen am Donnerstag - zum Ärger Washingtons - in Berlin ein klares Bekenntnis zum freien Welthandel abgegeben. "Wir setzen auf offene Märkte", sagte Merkel. Beide Staaten stünden angesichts der "Zeiten globaler Unsicherheiten" in der Verantwortung, ihre Partnerschaft auszubauen und sich für eine "regelbasierte" Weltordnung einzusetzen, so die Kanzlerin. Für den Partner im Westen hatte Merkel zuletzt weit weniger freundliche Worte übrig. "Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück vorbei", hatte die Kanzlerin am Wochenende nach dem G7-Gipfel gesagt.

Bei den Verhandlungen über ein Investitionsabkommen zur Marktöffnung zwischen den beiden Ländern hat sich Merkel am Donnerstag dafür ausgesprochen, dass dies rasch vorangetrieben werde. Hierfür seien allerdings noch Kompromisse auf beiden Seiten notwendig, so Merkel. Wenn aber das Abkommen abgeschlossen sie, hoffe sie, dass "eines Tages" Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen beginnen können.

EU-Unternehmen bemängeln Diskriminierung
Auch Li bekannte sich zur Öffnung der Märkte und sagte, "die Tür öffnet sich weiter". Der chinesische Ministerpräsident wiederholte den Wunsch nach einem Freihandelsabkommen seines Landes mit der EU - China hat solche bereits mit mehr als 20 Ländern, wie etwa Vietnam und Malaysia. In den Jahren 2000 bis 2016 investierten Firmen aus der EU mehr als 141 Milliarden Euro in China - aus der Volksrepublik in die Union flossen in diesem Zeitraum 110 Milliarden Euro. Während die chinesischen Investitionen 2016 bei 40 Milliarden lagen, fiel das Engagement der EU in China um 23 Prozent zum Vorjahr auf ein Zahnjahrestief von acht Milliarden Euro.

Grund dafür ist, dass sich europäische Firmen trotz der Zusage Chinas, sich für freien Handel und Globalisierung starkzumachen, in der Volkswirtschaft benachteiligt sehen, da diese heimischen Unternehmen bevorzugt. Mit ihrer Politik würde die chinesische Regierung unter anderem Überkapazitäten erzeugen, etwa bei der Stahlproduktion oder bei der Solarzellenproduktion, so Wirtschaftsvertreter. Aber auch bei der Herstellung von Elektrofahrzeugen stellt die Regierung Milliardenhilfen für chinesische Unternehmen bereit.




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-06-01 18:00:08



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Immer mehr LKW unterwegs
  2. Österreicher sind ihrem Bargeld treu - Banken trotzdem unter Druck
  3. Voestalpine sieht sich als Jobmotor für die Steiermark
  4. Bawag reicht Scheidung von Post ein
  5. Airbnb fasst in Afrika zunehmend Fuß
Meistkommentiert
  1. "Bio für alle ginge sich dreimal aus"
  2. Mehr Zuckerl für die private Pensionsvorsorge?
  3. Betriebsrat von Air Berlin rechnet mit Kündigungswelle
  4. 18 Monate für Rathgeber im Finanzskandal-Prozess
  5. Bawag reicht Scheidung von Post ein

Werbung



Quiz


Firmenmonitor







Werbung


Werbung