• vom 10.08.2017, 07:33 Uhr

International

Update: 10.08.2017, 09:15 Uhr

Kalifornien

Der grüne Goldrausch




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Von Barbara Munker

  • Ab 2018 darf Cannabis für den Genuss angebaut werden. Winzer fürchten einen Konkurrenzkampf um Personal.

Kalifornische Winzer fürchten einen Konkurrenzkampf mit Cannabis-Unternehmen um die längst knapp gewordenen Latino-Arbeitskräfte. - © APA, afp, Fabrice Coffrini

Kalifornische Winzer fürchten einen Konkurrenzkampf mit Cannabis-Unternehmen um die längst knapp gewordenen Latino-Arbeitskräfte. © APA, afp, Fabrice Coffrini

Los Angeles. (dpa) Michael Silacci prüft die reifenden Trauben an den Reben im kalifornischen Napa Valley; er prophezeit eine gute Ernte. Seit dreizehn Jahren leitet der Winzer das Edelweingut Opus One; seine Rotweine zählen zu den teuersten an der US-Westküste. Ausreichend Wasser und genügend Arbeitskräfte seien seine größte Sorge, sagt Silacci.

Doch nachdem Kalifornien im vorigen Herbst per Volksentscheid Cannabis als Genussmittel zugelassen hat, kommt ein neues Problem auf die Winzer zu: der erwartete Marihuana-Boom.


Die genauen Folgen der Legalisierung kann freilich noch niemand vorhersagen. Alicia Rose erwartet aber einen "grünen Goldrausch". Nach fünfzehn Jahren als Beraterin in der Weinindustrie stieg die Kalifornierin 2015 ins Geschäft mit Gras, im englischen Weed genannt, ein. Über das Kollektiv HerbaBuena vertreibt sie hochwertige Cannabis-Produkte, darunter Joints, Tee, Lotionen sowie mit dem Wirkstoff THC versetztes Gebäck und Schokolade. Noch muss sich Rose an die Auflagen für medizinisches Marihuana halten - das ist in Kalifornien schon seit 1996 erlaubt.

Wein und Gras im Dialog
Mit Rose stehen nun tausende Anbauer und Geschäftsleute in den Startlöchern, wenn Kalifornien ab Jänner 2018 den Verkauf von Marihuana als Genussmittel freigibt. Bis dahin basteln der Staat und die Kommunen noch an etlichen Auflagen, von Besteuerung und Grundwasserrechten zu Anbau-Lizenzen.

Beim ersten "Wine & Weed"-Symposium im nordkalifornischen Santa Rosa gingen Winzer und Vertreter der Cannabis-Industrie vor kurzem erstmals auf Tuchfühlung. Die Konferenz sei mit mehr als 400 Teilnehmern komplett ausgebucht gewesen, erzählt Tagungsleiter George Christie. "Der Dialog ist extrem wichtig, denn beide Industrien bauen in denselben Gebieten an, konkurrieren um Arbeiter vor allem in der Erntezeit, ringen um Käufer und Touristen."

Wein "Made in California" - von mehr als 4000 Weingütern - ist ein Milliardengeschäft. 2016 war ein neues Rekordjahr. Allein in den USA erzielte kalifornischer Wein ein Verkaufshoch von mehr als 34 Milliarden Dollar (29 Milliarden Euro).

Auch der legale Handel mit Marihuana boomt. Allein im Vorjahr legte der US-Markt um 34 Prozent zu, ist das Ergebnis einer im März veröffentlichten Studie. Verbraucher gaben demnach landesweit mehr als 6,7 Milliarden Dollar für Cannabis-Produkte aus. Gras-Konsumenten im bevölkerungsreichsten US-Staat Kalifornien könnten den Markt noch ankurbeln, schätzen Experten. Sie sagen für 2020 im Goldenen Staat ein Geschäft in Höhe von sieben Milliarden Dollar voraus.

"Wein und Gras - das sind zwei Sachen, die wir in Kalifornien wirklich gut machen", sagt Phil Coturri mit einem Augenzwinkern. Der 64-jährige Winzer in Sonoma Valley ist als Meister der Bioweine bekannt. Aus seiner Vorliebe für Marihuana macht der Kalifornier keinen Hehl. Dass Weingutbesitzer nun auch offiziell ins Cannabis-Geschäft einsteigen, sieht er allerdings nicht. Er verweist auf die rechtlichen Hürden. Weinbauer in den USA benötigen eine Bundeslizenz. Diese könnte durch den Anbau von Hanfpflanzen zwischen den Rebstöcken aber gefährdet sein, denn das Bundesgesetz verbietet die Droge nach wie vor.

Zwanzig Dollar pro Stunde
Winzer fürchten zudem einen Konkurrenzkampf mit Cannabis-Unternehmen um die längst knapp gewordenen Latino-Arbeitskräfte. Es kommen nämlich immer weniger Landarbeiter aus Mexiko, sagt Winzer Silacci. Es sei gefährlicher und teurer geworden, über die Grenze zu gehen. "Die Rhetorik der jetzigen Regierung verschlimmert das noch", meint Silacci.

Auch Al Winter macht sich jetzt schon Sorgen darüber, im Herbst rund 500 Saisonarbeiter für die Weinernte anheuern zu müssen. Als Verwalter betreut er zwei Dutzend Weingüter, von Santa Barbara in Südkalifornien bis in den nördlichen US-Staat Washington, wo Marihuana für Genusszwecke bereits legal ist.

"Die Cannabis-Farmer machen uns Druck, sie zahlen Stundenlöhne von bis zu zwanzig Dollar, gewöhnlich bar auf die Hand", berichtet Winter. Nun müssten auch die Weinbauern tiefer in die Tasche greifen, um Arbeiter zu halten. Einige Weingüter werden diesen Kostenanstieg nicht verkraften, prophezeit der Verwalter. "Vielleicht kommt es so weit, dass sich kalifornische Winzer von einem Hektar Wein trennen und darauf Weed anbauen."




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-10 07:39:03
Letzte nderung am 2017-08-10 09:15:12



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