• vom 25.08.2017, 18:05 Uhr

International

Update: 25.08.2017, 22:39 Uhr

Jackson Hole

Trump sucht Diener




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  • Das Treffen in Jackson Hole wurde von der Frage überschattet, wer neuer Fed-Chef wird.

Fed-Chefin Yellens Amtszeit endet im Februar. Möglich, dass sie ihre eigene Nachfolgerin wird.

Fed-Chefin Yellens Amtszeit endet im Februar. Möglich, dass sie ihre eigene Nachfolgerin wird.© reuters Fed-Chefin Yellens Amtszeit endet im Februar. Möglich, dass sie ihre eigene Nachfolgerin wird.© reuters

New York. Das hochkarätig besetzte Notenbanker- und Geldpolitikertreffen in Jackson Hole wird von einer drängenden Entscheidung überschattet: Während EZB-Präsident Mario Draghi und Fed-Chefin Janet Yellen im Schatten der Rockies über Geldpolitik fachsimpelten, wurde allgemein gerätselt, wer künftig die US-Zentralbank leiten wird. Selten war die Frage so brisant, denn US-Präsident Donald Trump verfolgt bei der Nominierung klare politische Ziele - und sucht jemanden, der ihm dabei zu Diensten ist.

Yellens vierjährige Amtszeit endet im Februar. "Normalerweise würden wir in den nächsten Wochen eine Wahl erwarten", sagt der Analytiker Stephen Gallagher von der Société Générale. Das Problem, das auch Gallagher bewusst ist: Normal geht es bei Trump selten zu. Zudem gab es zuletzt Gerüchte, sein Favorit könnte den Job ablehnen.

Vor einem Monat hatte Trump seinen Wirtschaftsberater Gary Cohn als Top-Anwärter für den Posten ins Rennen geschickt. Auf die Frage, ob der Ex-Vizechef der US-Investmentbank Goldman Sachs ein Kandidat sei, antwortete Trump: "Er weiß es nicht, aber ja, das ist er." Trump machte jedoch auch Yellen Hoffnung auf eine weitere Amtszeit. Cohn selbst äußerte sich bisher nicht zu dem Thema.

Ist Cohn Trumps Mann?

Ob der ehemalige Investmentbanker für die Aufgabe überhaupt bereitstünde, ist somit unklar - wie beinahe alles, was Trump derzeit politisch anpackt. In der vergangenen Woche gab es sogar Gerüchte, Cohn könnte sich von Trump distanzieren und aus Protest gegen dessen lasche Reaktion auf rechtsextreme Gewalt in der US-Stadt Charlottesville seinen Beraterposten in der Regierung aufgeben. Nach hat er freilich nicht in diese Richtung reagiert. Als langjährige Nummer zwei von Goldman Sachs ist der Spitzen-Manager ohne jede formale ökonomische Ausbildung ein ungewöhnlicher Kandidat, der bei Kritikern im Verdacht steht, vor allem der Banken-Lobby zu dienen. Das dürfte Trump, der bis zur Präsidentschaft selbst keine politische Erfahrung hatte, zwar nicht abschrecken - er hat schon genug unkonventionelle und umstrittene Personalentscheidungen getroffen.

Abzuwarten bleibt aber, ob Cohn wirklich bereit wäre, sich im Rat der Notenbanker als einziger Vertreter ohne fachliche Qualifikation auf die Hilfe seiner Kollegen verlassen zu müssen. Bei Goldman Sachs kommandierte er im hektischen Umfeld der Finanzmärkte Heerscharen von Börsenhändlern. Bei der Fed hingegen herrscht ein akademisches Klima, hier werden keine Deals eingefädelt, sondern Studien gewälzt.

Vollblut-Ökonomin

Genau das wiederum ist die Vorliebe der aktuellen Notenbankchefin Yellen, einer Vollblut-Ökonomin mit ausgeprägter Leidenschaft für knifflige Fachfragen der Geldpolitik. Trump hatte die 71-Jährige im Wahlkampf noch heftig kritisiert und ihr vorgeworfen, mit künstlich niedrigen Zinsen Finanzblasen zu riskieren. Doch der Wind hat sich gedreht. Denn der Präsident ist nun wegen seiner gewagten Job- und Wachstumsversprechen selbst auf die Unterstützung der Fed angewiesen. Deshalb schlägt Trump mittlerweile ganz andere Töne an und kann sich gut vorstellen, an Yellen festzuhalten. "Ich mag sie; ich mag ihre Haltung. Ich denke, sie hat einen guten Job gemacht", sagte er im Juli dem "Wall Street Journal". Allerdings macht der Präsident keinen Hehl daraus, was er mit seiner Nominierung bezwecken will: "Ich würde gerne sehen, dass die Leitzinsen niedrig bleiben." Die Aussage birgt Brisanz, weil die Fed eigentlich unabhängig agieren soll.

Yellen verteidigt Maßnahmen

Unterdessen hat Yellen in ihrer Rede in Jackson Hole die Regeln, die nach der Finanzkrise ab 2007 von der Fed in Kraft gesetzt wurden, verteidigt. Diese hätten das Finanzsystem gestärkt und das Wirtschaftswachstum nicht behindert. Alle künftigen Änderungen sollten sehr vorsichtig vorgenommen werden, so Yellen. "Die Reformen, die wir vorgenommen haben, haben unsere Widerstandsfähigkeit erhöht, ohne dass die Kreditvergabe oder das Wirtschaftswachstum limitiert worden wären", so Yellen. Einige kleinere Änderungen könnten aber sehr wohl ins Auge gefasst werden, so Yellen, etwa eine mögliche Flexibilisierung der "Volcker Rule", die die Banken in den USA dazu zwingt, ihren Eigenhandel weitestgehend aufzugeben. Riskante Finanzwetten, die eine Mitschuld an der Finanzkrise 2007 bis 2009 hatten, sollen somit in Zukunft vermieden werden.

Stellt sich die Frage, wie es mit der Straffung der US-Geldpolitik weitergeht. Möglicherweise steht in diesem Jahr gar keine weitere Anhebung der Leitzinsen an. Die Stimmen, die eine Zinserhöhung fordern, sind in den USA allerdings laut und deutlich - auch innerhalb der Fed. Auch EZB-Chef Romano Draghi trat in Jackson Hole an das Rednerpult. Auch er äußerte sich nicht zur Geldpolitik. Die Mitglieder des EZB-Rates haben sich zuletzt jedenfalls ganz klar besorgt über den Wechselkurs gezeigt. Ein starker Euro belastet die exportorientierten Unternehmen in Europa.



Die US-Börsen reagierten leicht positiv auf die Reden. Der Dow-Jones-Index stieg um 0,3 Prozent auf 21.849 Punkte. Der breiter gefasste S&P legte ebenfalls um 0,3 Prozent auf 2447 Stellen zu.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-25 18:09:06
Letzte ńnderung am 2017-08-25 22:39:21



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