• vom 06.09.2017, 19:31 Uhr

International

Update: 06.09.2017, 20:18 Uhr

Geldpolitik

Spiel auf Zeit




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  • Deutschland drängt die EZB zum Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik. Doch die Notenbanker um Mario Draghi werden die Zügel angesichts des starken Euro wohl noch nicht anziehen.

Draghi in heikler Mission: Der Ausstieg aus dem Billiggeld wird für den EZB-Chef keine leichte Übung. - © afp

Draghi in heikler Mission: Der Ausstieg aus dem Billiggeld wird für den EZB-Chef keine leichte Übung. © afp

Frankfurt. (rs) In der Vergangenheit hat die Rolle des prominenten und drängenden Mahners vor allem Jens Weidmann übernommen. Egal, wo der Chef der Deutschen Bundesbank eine Rede hielt, so gut wie immer kam darin auch - manchmal sehr deutlich, manchmal auch nur versteckt - Kritik an der ultralockeren Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) vor. Doch mittlerweile ist der Chor der Billiggeld-Gegner in Deutschland so groß und laut geworden, dass nicht einmal mehr Weidmann hervorsticht.

Bei einer Bankentagung in Frankfurt drängte am Mittwoch etwa auch Deutsche-Bank-Chef John Cryan auf einen Ausstieg. "Die Zeit des billigen Geldes in Europa sollte enden - trotz des starken Euro", sagte der Brite, der seit 2015 an der Spitze des größten deutschen Geldhauses steht. Seiner Ansicht nach führen die enormen Geldspritzen, die die EZB Monat für Monat in die Märkte pumpt, bereits zu immer größeren Verwerfungen etwa durch Blasenbildungen im Immobiliensektor oder an den Aktienbörsen. Auch Commerzbank-Chef Martin Zielke und der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble mahnten in Frankfurt einen Kurswechsel ein. Es ist Zeit, "dass man umkehrt und wieder normale Verhältnisse ins Ziel nimmt", sagte Sparkassen-Präsident Georg Fahrenschon, der ebenfalls auf der Bankentagung sprach.


Doch trotz des immer größer werdenden Drucks aus Deutschland werden die Notenbanker um EZB-Chef Mario Draghi bei ihrer Zinssitzung am Donnerstag wohl einmal mehr auf Zeit spielen und keine Änderung bei ihrem umstrittenen Anleihenkaufprogramm vornehmen. Lediglich eine Andeutung, dass die monatlichen Anleihenkäufe von derzeit 60 Milliarden Euro gedrosselt werden könnten, dürfte es nach Einschätzung der meisten Volkswirte morgen im Frankfurter EZB-Tower geben.

"Vor allem der starke Euro spricht gegen eine hastige Vorgehensweise", sagt NordLB-Devisenanalyst Jens Kramer. Denn die Gemeinschaftswährung ist seit Jahresbeginn um rund 13 Prozent gestiegen und hat damit die Erreichung des EZB-Inflationsziels, das bei knapp unter zwei Prozent liegt, wieder in Gefahr gebracht. Denn wenn der Euro, der mit 1,2069 Dollar zuletzt den höchsten Stand seit zweieinhalb Jahren markierte, steigt, sinken die Preise für importierte Waren.

Ausstieg mit Tücken
Doch es ist nicht allein die nur langsam ansteigende Inflation, die mit derzeit 1,5 Prozent noch immer ein großes Stück von der Zielmarke entfernt liegt, die einer zunehmenden Anzahl von Währungshütern Sorgen bereitet. Vor allem Notenbanker aus den wirtschaftlich schwächeren Ländern befürchten, dass der Euro-Höhenflug das Wirtschaftswachstum bremsen könnte, weil Produkte europäischer Firmen mit dem Anstieg teurer und damit unattraktiver geworden sind.

Doch auch wenn derartige Konjunktursorgen angesichts des weiterhin robusten Wachstums in der Eurozone in absehbar Zeit wieder abflauen könnten, dürfte der Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik keine leichte Übung werden. Denn mit dem seit März 2015 laufenden Anleihenkaufprogramm wollten die Währungshüter vor allem die stockende Kreditvergabe der Banken in der Eurozone ankurbeln. Dafür wurden insgesamt schon mehr als zwei Billionen Euro in die Märkte gepumpt, wodurch die EZB zum wichtigsten Spieler auf dem Markt für Staatsanleihen der Euroländer aufgestiegen ist.

Entsprechend folgenschwer könnte daher auch jede Änderung der bisherigen Politik sein, weshalb das Ende des Anleihenkaufprogramms nach einhelliger Einschätzung der Volkswirte auf keinen Fall zu abrupt erfolgen darf.

Dass hier schon ein paar unbedachte Worte fatale Folgen haben können, musste im Mai 2013 Ben Bernanke erfahren. Der damalige US-Notenbankchef löste weltweit heftige Marktreaktionen aus, als er bei einer Anhörung im US-Kongress beiläufig erklärte, die Fed könnte bei anhaltend positiven Wirtschaftsdaten ihre Wertpapierkäufe allmählich zurückfahren. Als "taper tantrum", auf Deutsch in etwa "Entzugs-Wutanfall", ist die dadurch damals ausgelöste weltweite Achterbahnfahrt an den Börsen zum geflügelten Wort geworden. Im Euroraum könnte eine solche Entwicklung vor allem die noch immer mit ihren Schuldenbergen kämpfenden Länder Südeuropas ins Wanken bringen. Denn wenn die Anleihenrenditen aufgrund von Marktturbulenzen nach oben schießen, verteuert sich auch die Schuldenaufnahme in diesen Staaten.




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Dokument erstellt am 2017-09-06 18:15:06
Letzte ─nderung am 2017-09-06 20:18:06



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