• vom 26.09.2017, 18:17 Uhr

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Update: 26.09.2017, 22:27 Uhr

Siemens

Airbus auf Schienen




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  • In China ist ein neuer Weltmarktführer im Zugbereich entstanden. Siemens legte sein Zuggeschäft mit dem französischen Alstom-Konzern zusammen, um sich auch auf globaler Ebene zu behaupten.

Nach der Fusion kommen der deutsche ICE und der französische TGV künftig aus einer Hand. - © reuters

Nach der Fusion kommen der deutsche ICE und der französische TGV künftig aus einer Hand. © reuters

München/Paris. (rs) Neu ist die Idee nicht. Schon als Siemens sich im Frühsommer 2014 eine Bieterschlacht mit dem US-Multi General Electric um Teile des französischen Alstom-Konzerns lieferte, war immer wieder auch die Rede von einem "europäischen Champion" im Bahngeschäft. Analog zum bi-nationalen Airbus-Projekt in der Luftfahrt sollte so sichergestellt werden, dass sich die Europäer auch auf der Schiene im globalen Vergleich behaupten können und langfristig konkurrenzfähig bleiben. Doch aus der damals in München favorisierten Fusionslösung wurde nichts. Die Energietechniksparte der Franzosen ging an General Electric, der Alstom-Zugbereich mit seinem Aushängeschild TGV blieb hingegen selbständig.

Drei Jahre später werden nun der TGV und sein deutsches Hochgeschwindigkeits-Pendant ICE bald aus einer Hand kommen. Denn der Elektrokonzern Siemens legt sein Zuggeschäft mit dem französischen Konkurrenten Alstom zusammen. Geplant sei eine "Fusion unter Gleichen", teilte Siemens am späten Dienstagabend nach einer außerordentlichen Sitzung des Aufsichtsrates in München mit und bestätigte damit entsprechende Informationen aus informierten Kreisen.

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Hauptsitz in Paris
Bereits am Tag zuvor war durchgesickert, dass das Bündnis mit dem kanadischen Hersteller Bombardier, das Siemens parallel ausgelotet hatte, praktisch vom Tisch sei. Ausschlaggebend dürften dabei vor allem Zweifel an der finanziellen Stabilität von Bombardier gewesen sein, die zuletzt überhandgenommen hatten.

Verantwortlich für die zuletzt wieder deutlich intensiver gewordene Partnersuche in der Zug-Branche ist vor allem die Fusion zweier staatlicher chinesischer Hersteller. Das daraus entstandene Gemeinschaftsunternehmen namens CRRC ist mit knapp 30 Milliarden Umsatz nicht nur doppelt so groß wie ein Joint-Venture von Siemens und Alstom, das auf 15 Milliarden Euro Umsatz und mehr als 60.000 Beschäftigte käme. Der Weltmarktführer aus China drängt mit aggressiven Preisen auch auf den westlichen Markt. Siemens-Chef Joe Kaeser hatte daher auch schon seit Monaten darum geworben, dem chinesischen Zugriesen einen Rivalen entgegenzusetzen.

Konkret wird Siemens an dem fusionierten Konzern, der seinen Hauptsitz in Paris haben wird, 50 Prozent plus eine Aktie halten. Dafür sollen die Franzosen den Vorstandschef stellen. Der bisherige Alstom-Chef Henri Poupart-Lafarge gilt laut einem Bericht der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" als aussichtsreichster Kandidat für diesen Job. Im Zuge der Fusionsentscheidungen einigten sich Unternehmen und Arbeitnehmervertreter auch auf Standortgarantien für vier Jahre, auf einen Kündigungsverzicht für mindestens vier Jahre sowie auf den Erhalt der Mitbestimmung und die Absicherung der Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten in Deutschland und Frankreich, wie die IG Metall mitteilte.

Angst vor dem Ausverkauf
Allerdings kommt in der französischen Politik trotzdem Angst vor einem Ausverkauf auf: "Ist das das Ende von Alstom? Wird der TGV deutsch?", fragt Eric Woerth von den konservativen Republikanern. Und der Generalsekretär des rechtspopulistischen Front National, Nicolas Bay, mahnt auf Twitter: "Die französisch-deutsche Partnerschaft darf nicht zur Auslöschung der französischen Industrie führen!" Die Fusion nütze Siemens mehr als Alstom, kritisierte er.

Politische Schützenhilfe von ganz oben werden die Partner aber nicht nur deshalb dringend benötigen: Denn ebenso wie bei einem Bündnis mit Bombardier dürften Siemens und Alstom Auflagen der EU-Kommission bekommen, aus Wettbewerbsgründen einzelne Firmenteile zu verkaufen. "Im Bereich der Hochgeschwindigkeitszüge ist die Kombination Siemens-Alstom wegen ihrer Marktanteile schwieriger als Siemens-Bombardier", sagte Kartellrechtler Martin Gramsch von der Kanzlei Simmons & Simmons. Entscheidend werde sein, ob die EU-Kommission den Weltmarkt oder nur den europäischen Markt betrachte. Anders als etwa bei Langstrecken-Flugzeugen sei man in der Vergangenheit von nationalen Märkten ausgegangen, weil etwa Betriebsspannungen oder Spurweiten unterschiedlich sind.

Dass eventuelle kartellrechtliche Auflagen nicht zu schmerzhaft ausfallen, hängt auch am politischen Einfluss der Regierungen von Angela Merkel und Emmanuel Macron. Ein Stellenabbau sei deshalb für eine gewisse Zeit tabu, sagte ein Insider. Laut der französischen Zeitung "Les Echoes" soll es sogar eine Jobgarantie für die nächsten vier Jahr geben. Aus Sicht von Siemens-Chef Kaeser wird es abgesehen von einigen Verwaltungsposten aber ohnehin nicht zu nennenswerten Arbeitsplatzverlusten kommen. "Mobilität ist ein Wachstumsfeld", sagt Kaeser.




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Dokument erstellt am 2017-09-26 18:21:09
Letzte ─nderung am 2017-09-26 22:27:06



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