• vom 05.01.2018, 06:00 Uhr

International

Update: 05.01.2018, 06:36 Uhr

Interview

"Intellektuelle Erschöpfung des Westens"




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Von Thomas Seifert

  • Der angesehene Ökonom und "FT"-Kolumnist Martin Wolf über Plutokraten und rechtspopulistische Täuschungsmanöver.

Martin Wolf in der Bibliothek der WU-Wien im Interview. - © Christian Wind

Martin Wolf in der Bibliothek der WU-Wien im Interview. © Christian Wind

"Wiener Zeitung": In einer Ihrer Kolumnen für die "Financial Times" haben Sie den Begriff "Pluto-Populist" geprägt. Donald Trump sei das Paradebeispiel der Populisten-Gattung, die sich an die "kleinen Leute wendet", die aber Politik für Plutokraten - Deregulierung und Steuersenkungen - macht. Wie sind wir ins Zeitalter der Pluto-Populisten geraten?

Martin Wolf: In den bedeutendsten Demokratien des Westens ist das Vertrauen in die etablierten Parteien der Mitte verloren gegangen, die unsere Geschicke in den vergangenen zwei Generationen gelenkt haben. Die Gründe für diesen Vertrauensverlust sind vielfältig, das Resultat ist, dass politische Entrepreneure mehr - jene von rechts - oder weniger - jene von links - Erfolg haben. Ihr Rezept: Botschaften des Misstrauens gegenüber Eliten, Hass auf Ausländer und Migranten, Schüren von Zukunftsängsten.

Information

Martin Wolf (geb. 1946 in London) ist Ökonom, Chef-Kommentator und Mitherausgeber der einflussreichen "Financial Times". Der Brite, dessen Vater aus Wien stammt, war auf Einladung der Wirtschaftsuniversität Wien am Uni-Campus.

Die Geschichte, die diese Leute erzählen, ist einfach: Die Nation - manche sagen lieber: das Volk - wird von feindseligen Gruppen attackiert. Dazu gesellt sich noch die Herausforderung der Globalisierung und der sozialen Veränderung. Weniger gut ausgebildete Männer sind von diesen Veränderungen stärker betroffen, sie kommen auch weniger damit zurecht, dass sich die Geschlechterverhältnisse in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert haben. Die urbanen, kosmopolitischen Eliten seien nach Meinung der ethnonationalistischen Populisten Teil einer Verschwörung mit dem Ziel der Subversion der Nation. Das ist im Wesentlichen das Narrativ dieser Leute.

Rechtspopulisten als willfährige Helfer mächtiger Plutokraten?

In den meisten Fällen, ja. Es gibt aber die unterschiedlichsten Strategien, um an der Macht zu bleiben. In Polen etwa vermischt die PiS-Partei Prawo i Sprawiedliwosc - Partei für Recht und Gerechtigkeit - von Jarosaw Kaczynski die nationalistische, tribalistische Politik mit einer wohlfahrtsstaatlichen Agenda. Aber in den meisten Fällen sind die Parteien am rechten Rand gleichzeitig Parteien, die mit einer Deregulierungsagenda und Steuersenkungsagenda antreten. Die Geld- und Machteliten kommen in modernen Demokratien nur auf eine Minderheit von Stimmen.

Es gehört ja nur eine verschwindende Zahl von Bürgern zu dieser Gruppe der Mächtigen und Betuchten. Also müssen die Geldeliten Allianzen mit anderen Interessensgruppen bilden. Am einfachsten ist so eine Allianz mit Kräften, die eine nationalistische Agenda verfolgen. Denn da gibt es kein Programm, mehr als schlichte Identitätspolitik haben diese Parteien in den wenigsten Fällen zu bieten. Wenn man die Menschen nur wütend genug und die Politik nur irrational genug gemacht hat und den Menschen das Gefühl gibt, dass ihnen da endlich jemand zuhört, dann machen die Wähler so ziemlich jede Politik mit, sogar eine, die gegen ihre eigenen Interessen gerichtet ist.

Nehmen wir das Beispiel des antebellum south, des Südens der USA vor dem amerikanischen Bürgerkrieg. Die soziale Ungleichheit war dort extrem. Im Bürgerkrieg starben rund 300.000 Soldaten der Konföderierten, die meisten davon arme weiße Bauern, die es sich nicht leisten konnten, Sklaven zu halten. Trotzdem gingen sie auf den Schlachtfeldern in den Tod, damit weiße, reiche Großgrundbesitzer weiter Sklaven halten dürfen. Den konföderierten Plutokraten ist es gelungen, bei den Fußsoldaten die kulturellen Ängste und den Rassismus so weit zu schüren, dass diese bereit waren, für die wirtschaftlichen Ziele der reichen Plantagenbesitzer in den Tod zu gehen. Dabei deckten sich diese wirtschaftlichen Interessen so gar nicht mit jenen der sogenannten kleinen Leute. Aus diesen und anderen Beispielen haben die Rechtspopulisten gelernt: Man muss nur total zynisch sein und genug lügen, dann kommt man mit fast allem durch.

In den 1930er Jahren war es in Deutschland ähnlich: Vor der großen Depression haben die Nazis keine großen Wahlerfolge erzielt. Als sie aber anfingen, die Schuldigen der Wirtschaftskrise nicht in der verrückten Austeritätspolitik der Regierung zu suchen, sondern bei den Juden, begann ihr Aufstieg. Auch die Populisten von heute kommen ohne Sündenböcke nicht aus: Heute sind es eben Mexikaner, Chinesen, Muslime.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-01-04 13:53:08
Letzte nderung am 2018-01-05 06:36:02



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