• vom 27.09.2012, 19:39 Uhr

Österreich

Update: 27.09.2012, 19:40 Uhr

Hunger

Spiel mit dem Hunger




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Von Veronika Eschbacher

  • Attac-Vorwürfe: Österreichische Banken verdienen mit spekulativen Rohstoff-Fonds
  • Globalisierungsgegner fordern Verbot von Nahrungsmittelspekulationen.

Wien. Gesellschaftliche Solidarität, Selbsthilfe und Nachhaltigkeit - diese drei Begriffe dienen als Leitlinien für das wirtschaftliche Handeln, liest man im Verhaltenskodex der Raiffeisen Zentralbank. Dass die Gruppe diesen Zielsetzungen nicht immer entspricht, will ein Bericht der Profundo Economic Research zeigen, der von der globalisierungskritischen Plattform Attac vorgestellt wurde. Nach diesem Bericht ist der Konzern in Lebensmittelspekulationen und die Finanzierung von Landraub involviert. Den Schwarzen Peter alleine der Raiffeisen zuzuschieben, wäre aber verfehlt: Auch andere österreichische Banken seien an derartigen Geschäften beteiligt.

Nepalesische Bäuerin bei der Reisernte.

Nepalesische Bäuerin bei der Reisernte.© EPA Nepalesische Bäuerin bei der Reisernte.© EPA

Lebensmittel sind das neue Liebkind von Spekulanten. Nach dem Platzen der Dotcom- und einige Jahre später der Immobilien-Blase sind nun agrarische Rohstoffe in den Fokus gerückt. So wurden seit 2007 etwa von der Raiffeisengruppe unterschiedliche Anlageprodukte auf Kakao, Kaffee, Mais, Sojabohnen, Zucker oder Weizen ins Portfolio aufgenommen. Das steigende Interesse der Finanzmärkte an Rohstoffen treibt die Preise in die Höhe. Dies trifft vor allem die ärmsten Länder, in denen bis zu 80 Prozent des Einkommens für Lebensmittel aufgewendet werden. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) und die OECD haben bereits in Studien belegt, dass es einen Zusammenhang zwischen Lebensmittelspekulationen und steigenden Lebensmittelpreisen gibt.

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Kritisiert werden die österreichischen Banken - genannt wurden auch die UniCredit Bank Austria, die Volksbanken AG und die Erste Bank - von Attac zudem für die direkte oder indirekte Finanzierung von Unternehmen, die Landerwerb in großem Maßstab betreiben. Laut Bericht vergibt die Raiffeisengruppe Kredite an landwirtschaftliche Konzerne, Forst- und Bergbauunternehmen, die in Afrika, Südamerika und Südostasien Landerwerb in großem Maßstab betreiben. Manche dieser Firmen werden des Landraubs bezichtigt. Mit mindestens 289 Millionen Euro sei die Raiffeisengruppe mit Krediten beteiligt, so die Studie.

Das Problem des Landraubs stellt bei Weitem kein Randproblem mehr dar. Allein im letzten Jahr wurden 41 Millionen Hektar Ackerland afrikanischen Bauern entzogen. Mithilfe zumeist intransparenter Kaufverträge gerät dieses in die Hand von Konzernen und Hedgefonds. Werden die Flächen landwirtschaftlich genutzt, werden die gewonnen Lebensmittel dort hin exportiert, wo die Kaufkraft ist: In die westlichen Länder. Die Nutzung des erworbenen Landes ist aber ohnehin nicht gewährleistet - es wird oft als reine Wertanlage gesehen. Den lokalen Bauern ist nichtsdestotrotz die Lebensgrundlage entzogen.

Kein objektiver Mangel
"Es gibt keinen objektiven Mangel mehr", erklärte der Soziologe und Globalisierungskritiker Jean Ziegler am Mittwoch gegenüber Ö1. Gemäß Landwirtschaftsreport der FAO könne man 12 Milliarden Menschen problemlos ernähren - momentan liegt die Weltbevölkerung bei 7 Milliarden. Von gesamt 70 Millionen Todesfällen jährlich entfallen 18,2 Millionen auf Hunger oder seine unmittelbaren Folgen, so Ziegler.

Auch wenn die Finanzmärkte nicht alleine für die Preissteigerungen verantwortlich sind, gibt es mittlerweile sowohl in den USA als auch in der EU Bestrebungen, diese stärker zu regulieren. Im Europäischen Parlament wurde Mittwoch über die "Richtlinie über Märkte und Finanzinstrumente" abgestimmt. Das Gesetzespaket soll unter anderem die Spekulation mit Rohstoffen eindämmen.

"Keine Kundenbeziehung"
Nach Darstellung der besonders angegriffenen RZB-Gruppe gehen die Vorwürfe ins Leere. Raiffeisen Capital Management biete mit dem "Raiffeisen-Active-Commodities" einen Rohstoff-Fonds an, der kein spekulatives, sondern ein Langfrist-Investment darstelle, heißt es in einer Stellungnahme gegenüber der "Wiener Zeitung". Der Anteil dieses Fonds betrage nur 0,11 Prozent der verwalteten Vermögenswerte. "In verschwindend geringem Ausmaß" habe die Raiffeisen Centrobank Produkte auf den Markt gebracht, die unter anderem auch der Absicherung von Agrarrohstoffpreisen dienten und die deshalb auf Futures von Nahrungsmitteln basierten. Zu Unternehmen, die etwa in Landraub involviert seien, habe die RZB-Gruppe keine Kundenbeziehungen, auch nicht zu Glencore International.




Schlagwörter

Hunger, Banken, Österreich

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2012-09-27 18:36:05
Letzte Änderung am 2012-09-27 19:40:02



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