Wien. Die Zeichen am österreichischen Arbeitsmarkt stehen auf Sturm: Im September stieg die Arbeitslosigkeit erneut und erreichte eine Zahl von 229.025 Menschen. Das ist ein Anstieg um 10.818 Personen oder 5 Prozent gegenüber dem September des Vorjahres. Die Summe der Menschen in Schulungen legte sogar noch stärker zu - um 6,4 Prozent bzw. 3.977 Personen. Österreich weist zwar im EU-Vergleich weiterhin die niedrigste Arbeitslosigkeit auf, muss sich allerdings auf eine weitere Verschärfung der Situation am Arbeitsmarkt einstellen.
Die Arbeitslosenquote betrug nach Eurostat-Rechnung 4,5 Prozent - weiterhin die niedrigste Rate in der EU -, nach nationaler Definition 6,1 Prozent. Besonders betroffen waren einmal mehr die Leiharbeiter, bei denen die Arbeitslosigkeit um 11,6 Prozent stieg. Auch in der Baubranche - ebenfalls ein männerdominierter Sektor - gab es mit +6 Prozent einen überdurchschnittlichen Anstieg. Insgesamt kletterte die Männerarbeitslosigkeit im abgelaufenen Monat um 6,7 Prozent, jene der Frauen um 3 Prozent. Im Handel (+2,8 Prozent) und im Tourismus (+1,4 Prozent) stieg die Anzahl der Joblosen vergleichsweise nur leicht.
Keine Trendwende absehbar
Ebenfalls schwer am Arbeitsmarkt haben es ältere Personen. Die Arbeitslosigkeit der Über-50-Jährigen legte um 9,4 Prozent zu. Dafür gab es bei den Jungen (unter 25 Jahre) nur einen leichten Anstieg von 2,4 Prozent. Österreich hat laut Eurostat mit 9,7 Prozent die drittniedrigste Jugendarbeitslosenquote der EU, am besten stehen hier Deutschland (8,0 Prozent) und die Niederlande (9,4 Prozent) da.
Sozialminister Rudolf Hundstorfer weist darauf hin, dass seit dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise vor drei Jahren 160.000 neue Arbeitsplätze entstanden sind. Im September gab es auch um rund 50.000 Beschäftigte mehr als im September 2011 - trotz Anstieg der Arbeitslosigkeit. Das Gros des Zuwachses (90 Prozent) entfiel wegen geburtenstarker Jahrgänge und späterer Pensionsantritte dabei auf die ältere Generation.
Eine Trendwende bei der Arbeitslosigkeit ist laut Ministerium nicht zu erwarten, erst wenn die europäische Wirtschaft "zu merklichem Wachstum zurückfindet, wird sich der österreichische Arbeitsmarkt erholen." Der Septemberanstieg war der geringste seit vier Monaten, im August hatte die Arbeitslosenzahl um 6,1 Prozent zugelegt, im Juli um 8,7 Prozent.
Problematisches Wirtschaftswachstum
Während nämlich Österreichs Wirtschaftsleistung real um fast 4 Prozent höher sei als vor der Krise 2007, liege sie in der EU noch immer um ein Prozent unter dem Vorkrisenniveau und in der EU gebe es heute weniger Arbeitsplätze als vor der Krise.
Zu den Verlierern am österreichischen Arbeitsmarkt zählen vor allem Ausländer, bei denen sich die Anzahl der Arbeitslosen um 11,7 Prozent auf 49.607 erhöht hat. Die Zahl der arbeitslosen behinderten Personen ist um 13,3 Prozent auf 6.823 gestiegen. Der seit Monaten überdurchschnittliche Anstieg der Arbeitslosigkeit von Menschen mit Behinderung hänge damit zusammen, dass das AMS diese Menschen nun systematisch erfasse, erläuterte das Sozialministerium.
Die Zunahme der Langzeitarbeitslosen - also jener Menschen, die seit mehr als einem Jahr ohne Arbeit sind - um mehr als ein Fünftel wird damit begründet, dass das AMS seine arbeitsmarktpolitischen Ziele geändert habe: Statt der Verhinderung von Langzeitarbeitslosigkeit, etwa durch Schulungen, sei man nur mehr darum bemüht, auch Menschen wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren, die schlecht ausgebildet oder gesundheitlich eingeschränkt sind. Das Förderbudget dafür wurde noch für das laufende Jahr um 18,9 Mio. Euro erhöht.
Demografische Entwicklung ablesbar
Immer deutlicher lässt sich aus der Arbeitsmarktstatistik auch die demografische Entwicklung in Österreich herauslesen, es gibt immer mehr ältere Menschen auf dem Arbeitsmarkt - sowohl bei den Beschäftigten als auch bei den Arbeitslosen. Andererseits sei auch die Lehrstellen-Lücke so klein wie seit 17 Jahren nicht mehr, heißt es aus dem Sozialministerium.
Die Arbeitslosigkeit ist in allen Bundesländern gestiegen. Nur in Tirol sinkt die Zahl der Arbeitslosen plus SchulungsteilnehmerInnen. In Kärnten, Vorarlberg, Wien und dem Burgenland steigt die Arbeitslosigkeit unterdurchschnittlich. Den stärksten Anstieg der Arbeitslosigkeit verzeichnet Oberösterreich, allerdings von niedrigem Niveau ausgehend, vor Niederösterreich, Salzburg und der Steiermark.