• vom 11.08.2017, 18:00 Uhr

Österreich


Geschäfte mit Schurkenstaaten

Organisierte Verantwortungslosigkeit




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Von Thomas Pressberger

  • Darf Österreichs Wirtschaft mit Schurken-Staaten Geschäfte machen? Der Volkswirt Jean-Robert Tyran über Wirtschaftsethik.

Menschen müssen nicht moralisch sein, sie müssen sich nur so verhalten, sagt Volkswirt Tyran.

Menschen müssen nicht moralisch sein, sie müssen sich nur so verhalten, sagt Volkswirt Tyran.© Hutter Menschen müssen nicht moralisch sein, sie müssen sich nur so verhalten, sagt Volkswirt Tyran.© Hutter

Wien. Dürfen Manager ein Ende der Sanktionen gegen Russland fordern, obwohl weder die Krim- noch die Ukraine-Krise beendet sind? Waren gierige Manager an der Finanzkrise schuld oder lag es doch eher an den Rahmenbedingungen? Warum funktioniert der Föderalismus in Österreich nicht? Die Wirtschaftsethik setzt sich mit solchen Fragen nüchtern auseinander und liefert eine andere Sicht der Dinge - und auch andere Lösungen.

"Wiener Zeitung": Was können Wirtschaft und Politik von der Wirtschaftsethik lernen?

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Jean-Robert Tyran: In der Wirtschaftsethik geht es um die moralische Bewertung von wirtschaftlichen Vorgängen und das Anbieten von normativem Orientierungswissen. Sie reflektiert über Begründungen moralischen Verhaltens und bezieht sich dabei auf Werte, Normen und Tugenden. Die Philosophie hat ein Monopol über die Wirtschaftsethik errungen. Das finde ich problematisch, weil einseitig. Die Volkswirtschaftslehre ist ein Teil der Moralphilosophie, das haben wir Ökonomen leider etwas vergessen. Als Volkswirte sollten wir uns mehr in den ethischen Diskurs einbringen, gerade jetzt. Wir haben Modelle und Verfahren, mit denen wir Konsequenzen von Handlungen abschätzen können. Die Philosophie ist hier abstrakter, mehr von Prinzipien geleitet; wir denken mehr in Kosten und Nutzen.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel Wirtschaftssanktionen. Ein Staat macht etwas, das unsere Werte, wie Demokratie, Partizipation, Freiheit, verletzt. Es ist legitim, dass wir zum Ausdruck bringen, dass unsere Werte verletzt wurden, etwa durch Wirtschaftssanktionen. Sanktionen haben Kosten. Im sanktionierenden Land fallen Exporte, Arbeitsplätze gehen verloren, die Gewinne gehen zurück. Kosten entstehen auch im sanktionierten Land. Dort gehen die Preise nach oben und die Versorgungslage verschlechtert sich. Was ist der Nutzen? Wird das sanktionierte Land, zum Beispiel Russland, sein Verhalten ändern? Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass es das tut? Klein. Wie viel ist es uns wert? Viel. Aus Sicht der Ökonomie würde man nun versuchen abzuwägen, ob es uns die Kosten wert ist. Man könnte aber auch ganz anders argumentieren und sagen, es geht nicht um Kosten, sondern ums Prinzip. Es geht darum, unsere Werte hochzuhalten, ganz unabhängig davon, ob wir die Russen dazu zu bewegen können, ihr Verhalten zu ändern. Aus dieser Sicht würde man nicht Werte gegen Arbeitsplätze aufrechnen wollen. Die Sicht der Ökonomie ist da zynischer, sie sagt: "Alles hat seine Kosten." Zu einer offenen wirtschaftsethischen Debatte gehört meiner Meinung nach, solche Sichtweisen miteinander zu konfrontieren.

Dürfen Manager trotz Krim- und Ukraine-Krise ein Aus der Russland-Sanktionen fordern?

Die Frage ist wieder, was sind unsere Werte? Wenn der Stärkere dem Schwächeren einfach ein Stück Land nimmt, dann werden wir uns einig sein, das das nicht okay ist. Bei den Maßnahmen werden wir aber geteilter Meinung sein. Man könnte diplomatische Noten schicken, Sanktionen setzen oder gar einen Krieg führen. Bei der Abwägung werden wir uns wieder fragen müssen, was bringt es, was kostet es, und wen kostet es wie viel. Natürlich ist es die Aufgabe eines Unternehmers, für sein Unternehmen zu sorgen, und man kann daher verstehen, dass sie fordern, nicht eine größere Last als andere, zum Beispiel nicht-exportierende Industrien, zu tragen.

Sind die Menschen in solchen Belangen zu kurzsichtig?

Die Politik und Wirtschaft sollte sich an den Menschen orientieren, wie sie sind, und nicht, wie sie sein sollten. Wirtschaftsethiker und Volkswirte haben oft die Tendenz, von einem sehr vereinfachten Menschenbild auszugehen. Die verhaltensökonomische Forschung zeigt aber, dass Menschen vielfältig sind. Es gibt sehr wohl Egoisten und Altruisten, die meisten aber sind irgendwo dazwischen, Reziproke oder bedingt Kooperative. Sie sind bereit, in einer Gruppe Kosten auf sich zu nehmen, um zu kooperieren, wenn es andere auch tun. Die Mehrheit der Menschen ist reziprok, so ungefähr zwei Drittel. Wirtschaftsethik verstanden als Institutionenethik bedeutet, dass man drüber nachdenkt, wie gute Institutionen aussehen. Es gilt Institutionen zu schaffen, die verhindern, dass sich die Egoisten durchsetzen und die bedingt Kooperativen mit sich ziehen. Eine andere Sicht in der Ethik ist, dass man Menschen durch Erziehung oder einen Diskurs einsichtig machen soll, zum Beispiel betreffend verbessertes Umweltbewusstsein oder Tierrechte. Aus Sicht der Institutionenethik soll man hingegen Anreize setzen, dass sich die Leute moralisch verhalten. Es geht also nicht darum, dass sie moralisch sind, sondern sich so verhalten.

Wie kann man sich das in der Praxis vorstellen?

Zum Beispiel werden reine Egoisten andere bestehlen, wenn sie das ungestraft tun können. Institutionen - in diesem Fall die Polizei und Gerichte - können Anreize setzen, um sie davon abzuhalten. Die Egoisten sind jetzt nicht Altruisten geworden, halten sich aber ans Gesetz, was in diesem Fall das moralische Verhalten ist. Institutionen sorgen dafür, dass die Mehrheit, die bedingt Kooperativen, nicht auch beginnt, zu stehlen.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-11 15:24:06
Letzte nderung am 2017-08-11 15:30:04



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