• vom 11.08.2017, 18:00 Uhr

Österreich


Geschäfte mit Schurkenstaaten

Organisierte Verantwortungslosigkeit




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Waren bei der Finanzkrise also nicht die Manager zu gierig, sondern die Institutionen falsch gesetzt?

Eine verbreitete Reaktion wäre zu fragen, was ist in der Ausbildung der Manager schiefgegangen, wieso sind die Bankmanager so gierig, wie kann man die Manager überzeugen und bessern, damit das nicht mehr passiert? Ich halte das nicht für völlig nutzlos, aber doch zweitrangig. Die Finanzkrise ist nicht passiert, weil Manager plötzlich gierig geworden sind, sie waren vor der Krise auch schon gierig. Die Finanzkrise ergab sich vielmehr aus einer neuen Konstellation aus Finanzinnovationen und Änderungen des regulatorischen Umfelds. Volkswirte betonen mehr die Anreize als den Charakter der Akteure. Wenn sich Gewinne privatisieren und Kosten sozialisieren lassen - na was werden Banker tun? Einige wenige werden der Versuchung widerstehen, viele nicht. Es waren nicht ursächlich die Manager zu gierig, sondern es haben die Rahmenbedingungen nicht gestimmt.

War die Finanzkrise vorhersehbar?

Charles Calomiris, unser derzeitiger OeNB-Gastprofessor von der Columbia Universität, hat neulich bei einem Vortrag gesagt, man hätte es kommen sehen können. Demnach war der Grund für die Finanzkrise die sinnlose Förderung von Eigenheimen durch die Politik. Leute bekamen Kredite, die sie nie hätten bekommen sollen, weil sie sie nicht zurückzahlen konnten. Die Banken waren hier zu expansiv, befeuert wurde das dann noch durch Finanzinnovationen, die diese faulen Kredite neu verpackt haben und sie dadurch besser aussehen lassen. Der Ursprung der Krise war die Logik der Politik, die ein Interesse an der Kreditexpansion hat. Wenn die Kredite großzügig sind, hilft das demjenigen, der gerade an der Macht ist - und zwar unabhängig davon, welche Partei das gerade ist.

Trifft das auch auf die Hypo Alpe Adria zu?

Auch hier gab es eine Verquickung von Politik und Wirtschaft. Die Politik nahm Einfluss auf die Bank, diese vergab Kredite, die Manager fanden es toll, dass sie expandieren können und wichtig sind. Die Politik bekommt etwas zurück und kann ihre Prestigeprojekte umsetzen. Das Land Kärnten hat Garantien für die Anleihen der Hypo Alpe Adria gegeben, aber zu wenig kontrolliert, was die Bank macht. Das war wie eine Subvention. Das ist nicht ethisch, weil es Anreize zur Verantwortungslosigkeit setzt. Freiheit und Verantwortung gehören in der Ethik zusammen. Wenn jemand nur Freiheit, aber keine Verantwortung hat, dann schlägt er über die Stränge. Wenn jemand keine Freiheit, sondern nur Verantwortung hat, dann ist er geknechtet.

Da muss man jetzt an den österreichischen Föderalismus denken.

Das Kernproblem ist, die einen finanzieren, die anderen geben aus. Das kommt nicht gut. In der Schweiz ist das nicht so. Die Kantone haben dort Steuerhoheit. Wird ein neues Projekt angekündigt, fragt jeder sofort: "Wie wirkt sich das auf unsere Steuern aus?" Die Freiheit, neue Projekte zu planen und die Verantwortung, dafür auch die finanziellen Konsequenzen zu tragen, sind hier vereint. Der Föderalismus in Österreich hingegen ist organisierte Verantwortungslosigkeit. In Österreich ließe sich das Problem durch mehr Steuerhoheit der Länder lindern. Das führt zu einem Steuerwettbewerb und damit zu einem schlankeren Staat.

Was würde ein Wirtschaftsethiker von Österreichs Politik und Wirtschaft fordern?

Österreich ist eine Erfolgsgeschichte, in den vergangenen 35 Jahren hat sich das reale BIP etwa verdoppelt. Wer ist dafür verantwortlich? Viele fleißige Hände und kluge Köpfe sowie gute institutionelle Rahmenbedingungen haben dazu beigetragen. Diese Rahmenbedingungen müssen laufend an neue Entwicklungen angepasst und im Lichte unserer Werte reflektiert werden. Es ist unsere Verantwortung als Staatsbürgerinnen und Staatsbürger beziehungsweise Citoyens, am demokratischen Diskurs teilzuhaben, um so zum fairen Ringen um gute Institutionen beizutragen. Diese sind wichtig, denn sie bringen uns Wohlstand und Prosperität, was eine Voraussetzung für andere Werte wie Solidarität ist. Ein Bewusstsein für die Bedeutung von guten Institutionen zu schaffen, ist mir ein Anliegen. Ich halte dies für eine staatsbürgerliche Aufgabe der Ausbildung, auch der universitären Ausbildung.

Zur Person

Jean-Robert Tyran

ist Volkswirt und forscht im Bereich der Verhaltensökonomik. Er ist Direktor des Wiener Zentrums für Experimentelle Wirtschaftsforschung und Dekan der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät. Tyran wurde 1967 in Zürich geboren.

Das gesamte Interview finden Sie
online unter

www.wienerzeitung.at

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-11 15:24:06
Letzte nderung am 2017-08-11 15:30:04



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