• vom 19.04.2017, 17:57 Uhr

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Update: 19.04.2017, 18:36 Uhr

Schnitten

Abschied von Carl Manner




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Von Nina Flori

  • Carl Manners Hauptziel war es, seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine sichere Lebensgrundlage zu verschaffen. Der Vorzeigeunternehmer ist am Mittwoch im Alter von 87 Jahren gestorben.


© Regina Hügli/picturedesk.com © Regina Hügli/picturedesk.com

Wien. Seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschreiben ihn als pflichtbewusst, gläubig, gerecht, sehr wach, bescheiden und bodenständig. Für Luxus hatte er nichts übrig, abgesehen von seinem Mercedes, habe er sich für materielle Güter kaum interessiert. Er sei nie auf einer Fernreise gewesen und habe immer Urlaub in Österreich gemacht. Jeden Tag saß er hinter seinem Schreibtisch in der Manner-Fabrik in der Wilhelminenstraße 6 in Hernals. Das Manner-Imperium war sein Lebensinhalt. 87 Jahre alt ist Carl Manner geworden, am Mittwoch ist er im Hanusch-Krankenhaus an Alterschwäche gestorben.

"Für das Unternehmen hat er seine ganze Kraft aufgebracht - jeden Tag, bis zum letzen Atemzug", sagt Karl Kern, ein ehemaliger Mitarbeiter und Weggefährte zur "Wiener Zeitung".


Schon in der Schule wurde Carl Manner von seinen Klassenkameraden "Schokerl" gerufen, schließlich entstammte er einer Schokoladen-Dynastie - der damaligen "Chokoladenfabrik Josef Manner".

Sein Großvater betrieb bereits Ende des 19. Jahrhunderts ein kleines Geschäft am Stephansplatz in Wien, in dem er Schokoladen und Feigenkaffee verkaufte. Da er mit der Qualität und dem Preis der Schokolade nicht zufrieden war, kaufte er die Konzession eines kleinen Schokoladenherstellers und begann sie selbst zu erzeugen. "Chocolade für alle" lautete von Anfang an die Devise. Als Logo für seine Firma verwendete er den Wiener Stephansdom.

Bald schon musste Josef Manner expandieren, 1897 beschäftigte er bereits mehr als hundert Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Durch die Modernisierung der Produktion und der damit verbundenen Preisreduktion setzte sich der Erfolg nach der Jahrhundertwende weiter fort.

Josef Manners Enkel, Carl Manner, stieg nach dem Studium der Mathematik und Physik 1953 in das Familienunternehmen ein. Sein Hauptinteresse galt dem Finanz- und Rechnungswesen. 1959 erhielt er die Prokura, 1970 wurde er in den Vorstand des Unternehmens berufen, ab 1997 war er Vorstandsdirektor. 2012 legte er diese Funktion zurück, er blieb jedoch Aufsichtsratspräsident.

Als Carl Manner ins Unternehmen eintrat, wurden 3000 Tonnen Süßwaren jährlich hergestellt - 2016 waren es 48.000 Tonnen, die unter den Marken Manner, Casali, Napoli, Ildefonso und Victor Schmidt produziert werden.

"Er war ein Unternehmer der alten Schule", erzählt Kern, der zahlreiche Stellen des Unternehmens - darunter den Export - durchlaufen hat. Auf einer Weihnachtsfeier habe Carl Manner in einer Ansprache einmal gesagt, die Aufgabe eines Unternehmers sei es, den Mitarbeitern einen gesicherten Arbeitsplatz zu bieten. Damit sie auch in der Lage seien, ihre Familie zu erhalten und ihnen so ein entsprechend gutes Leben bieten könnten. "So hat sich natürlich jeder gern für das Unternehmen eingesetzt", sagt Kern, der dem Hause Manner viele Jahre treu verbunden war.

Arbeitsplätze als Sinn der Unternehmerschaft
Auch in Interviews hat Carl Manner oft davon gesprochen, dass es der Zweck eines Unternehmens ist, Arbeitsplätze zu schaffen. "Ich habe ihn immer so ein bisschen sinnstiftend erlebt", sagt Manner-Pressesprecherin Karin Steinhart, die seit sieben Jahren im Unternehmen arbeitet und den Firmenchef oft zu Interviews begleitet hat. "Er war sehr authentisch und nicht briefbar in PR", erzählt sie lachend weiter.

"Als ich ganz neu im Unternehmen war, wollte ich vor einem Interview einmal alles mit ihm durchbesprechen." Gerade Zahlenbereiche wolle man vor dem Mitbewerb ja nicht unbedingt preisgeben. "Aber er hat nur zu mir gesagt: ‚Frau Magister, Sie glauben doch nicht, dass ich nicht weiß, was ich über meine Firma sagen soll.‘" Er werde bestimmte Details nicht rauskehren, aber wenn er danach gefragt werde, werde er sie natürlich erwähnen. Schließlich habe sie die Briefings sein lassen, sagt Steinhart. In einem dieser Interviews kam auch zutage, dass Carl Manner selbst Manner-Schnitten gar nicht so gerne mag. "Die kratzen mich im Hals", sagte er. Er bevorzuge mehr die cremigen, sämigen Süßigkeiten, wie Schokobananen.

Oft sei er in Interviews auch danach gefragt worden, ob er das Unternehmen nicht verkaufen wolle. Für ihn sei diese Frage jedoch ganz seltsam gewesen, erzählt Steinhart. "Was sollte denn das für ein Unternehmenszweck sein?", habe er entgeistert geantwortet.

Seine oberste Prämisse war es, obwohl er selbst keine Kinder hatte und nie verheiratet war, das Unternehmen weiter im Besitz der Familien Manner, Riedl und Andres zu halten, die knapp 90 Prozent der Anteile besitzen. Vor seinem Ableben hat er daher dafür gesorgt, dass seine Aktien nach seinem Tod in seine Stiftung übergehen, die bereits einen Teil der Aktien hält.

"Bei uns geht es sehr familiär zu. Sogar die Skispringer gehören zur Manner-Familie", sagt Steinhart. Noch vergangene Woche unterhielt sich Carl Manner in seinem Büro mit dem Skispringer Stefan Kraft, der von Manner gesponsert wird. Nun ist das große Büro, in dem die Mitarbeiterinnen dem Chef seine vielen Auszeichnungen, wie etwa das große silberne Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich oder das silberne Ehrenzeichen der Stadt Wien, aufgehängt haben, leer. "Für uns ist es schon sehr traurig", sagt Steinhart. Jetzt sei nur noch Manners Airedale Terrier da.

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Dokument erstellt am 2017-04-19 18:03:05
Letzte ─nderung am 2017-04-19 18:36:18



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