• vom 05.06.2017, 15:59 Uhr

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Fremdenverkehr

Tourismusbranche im Stresstest




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Von Andrea Möchel

  • Kleine Gewinnspannen, wenig Eigenkapital und beinharter Konkurrenzkampf.

Freundlicher Empfang: In Österreichs Fremdenverkehrs- und Gastronomiebetrieben herrscht ein harter Kampf um die Gäste. - © Edler von Rabenstein/fotolia

Freundlicher Empfang: In Österreichs Fremdenverkehrs- und Gastronomiebetrieben herrscht ein harter Kampf um die Gäste. © Edler von Rabenstein/fotolia

Wien. Die Tourismusbranche ist einer der bedeutendsten Wirtschaftszweige Österreichs, doch viel Grund zum Jubeln haben heimische Gastronomen und Hoteliers trotzdem nicht. Der Grund: Die Gewinne liegen im Schnitt deutlich unter jenen anderer Branchen, es fehlt vielerorts an qualifiziertem Personal und laut einer Studie der KMU Forschung Austria schreibt jeder zweite Tourismusbetrieb Verluste.

"Die Tourismusbranche ist ein hartes Geschäft: Die Abhängigkeit von externen Faktoren, hohe Lohnnebenkosten und immer mehr bürokratische Hürden machen eine Selbständigkeit in der Beherbergung und Gastronomie zu einer großen Herausforderung", weiß auch Boris Recsey, Geschäftsführer der Wirtschaftsauskunftei Crif Österreich. Laut einer aktuellen Crif-Erhebung wurden 2016 rund 4000 Beherbergungs- und Gastronomiebetriebe (plus drei Prozent) neu gegründet, der Großteil davon als Kleinunternehmen. Demgegenüber standen rund 800 eröffnete Insolvenzverfahren - ein Rückgang um elf Prozent. Recsey: "Spannend wird, ob das Rauchverbot, das 2018 in Kraft tritt, ein Mehr an Insolvenzen nach sich ziehen oder das Gegenteil der Fall sein wird."


Bei den Neugründungen waren die Wiener mit 23 Prozent führend, gefolgt von den Niederösterreichern (15 Prozent) und den Steirern (14 Prozent). Aber auch bei den Insolvenzverfahren hatte Wien mit 30,6 Prozent die Nase vorn.

Knackpunkt Eigenkapital
"Die guten Zahlen bei Nächtigungen und Gästen spiegeln sich meist nicht im Ertrag der Betriebe wider", erläutert Recsey die wichtigsten Gründe für ein Scheitern. "Nur ein geringer Teil des Umsatzes bleibt als Gewinn übrig. Der Spielraum für Schuldentilgung und Neuinvestitionen ist damit sehr eng. Die meist sehr geringe Eigenkapitalquote tut ihr Übriges und erhöht die Risikoanfälligkeit."

In Wien herrscht darüber hinaus ein intensiver Wettbewerb. Überleben können jedoch nur Betriebe mit einem wirklich guten Konzept und hervorragender Lage. "Hinzu kommt, dass sich sehr viele ‚Laien‘ als Gastronomen selbständig machen. Da ist das Scheitern dann schon oft vorprogrammiert, da diese Gründer häufig weder Branchenkenntnisse noch betriebswirtschaftliches Know-how vorweisen können."

Hotels und Pensionen hätten wiederum starke Konkurrenz durch Anbieter wie Airbnb bekommen.

Ein besonderer Schwachpunkt der Branche ist die Eigenkapitalausstattung. "Die Gastronomie und Beherbergungsbranche ist traditionell schlecht mit Eigenkapital ausgestattet", so der Crif-Geschäftsführer. Auffallend dabei ist das ausgeprägte West-Ost-Gefälle. So haben Vorarlberger Betriebe eine durchschnittliche Eigenkapitalquote von rund 25 Prozent, gefolgt von Salzburg mit 21 Prozent und Kärnten mit 18,1 Prozent. Das Schlusslicht ist Wien mit durchschnittlich 4,2 Prozent. "Dabei gibt es je nach Situation und Ziel verschiedene Möglichkeiten, die Eigenkapitalquote zu erhöhen. Das reicht vom Einsatz von Privatvermögen über Mitarbeiterbeteiligung bis hin zu punktuellen Gewinnrücklagen, bei denen erwirtschaftete Überschüsse nicht reinvestiert, sondern einbehalten werden", erklärt Recsey.

Chefinnen in der Minderheit
Ein wenig berauschendes Bild zeichnet der Crif-Report beim Anteil der Frauen in Führungspositionen. "Zwar sind Frauen in den Chefetagen der heimischen Unternehmen generell unterrepräsentiert", sagt Recsey, "doch die geringe Frauenquote in der Beherbergungs- und Gastronomiebranche überrascht dann doch, da der Tourismusbereich grundsätzlich stark weiblich geprägt ist."

Die meisten Frauen in Führungspositionen kann Tirol mit 18,5 Prozent vorweisen. Dahinter folgen die Steiermark (14,7 Prozent) und Wien (14,3 Prozent). Als Ursachen gelten neben schwierigen Arbeitsbedingungen und Arbeitszeiten die wenig zufriedenstellende Einkommenssituation und die schlechte Vereinbarkeit von Beruf und Familie.




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Dokument erstellt am 2017-06-05 16:02:08



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