
Wien. "Empört euch" könnte der Titel seines Buches auch lauten - "Bildung nervt" ist es geworden. In seiner dieser Tage erscheinenden, knapp 200 Seiten umfassenden Wutschrift holt Bernd Schilcher, VP-Bildungsexperte und Mitinitiator des Bildungsvolksbegehrens vom Vorjahr, zum Rundumschlag gegen Regierung, Gewerkschaft und das Bildungssystem an sich aus. Eine längst fällige Reform des "engen, rückwärtsgewandten Korsett unserer Schul- und Hochschulbildung" scheitere immer wieder an dem "falschen Rollenverständnis der österreichischen Bildungspolitik": Statt einen nationalen Konsens über eine Zielsetzung zu erreichen, kümmere sich die Regierung um "das operative Geschäft".
Falsche Prioritäten
Schilcher, sieben Jahre lang steirischer Landesschulratspräsident und Vorsitzender der Reformkommission von Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) 2007 und 2008, sieht die Prioritäten falsch gesetzt: Nicht die Schüler und Eltern erhielten die "erste Aufmerksamkeit der Politiker". "Im Vordergrund der Schulpolitik stehen in der Regel andere Interessen: Posten zu besetzen, regelmäßig natürlich parteipolitisch, Macht auszuüben, Abtauschgelegenheiten zu nutzen", so der 72-Jährige, "in der Öffentlichkeit zu glänzen und möglichst lange im Amt zu bleiben." Während er "einige Landespolitiker" ebenso ausnimmt wie Schmied und Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle (ÖVP), lässt Schilcher kein gutes Haar an deren Parteichefs.
Kritik an Kanzler, Vizekanzler, Gewerkschafts-Chef
Kein einziges Mal hätten die "Lordsiegelbewahrer des Status quo", Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) und Vizekanzler Michael Spindelegger (ÖVP), "nachhaltigen Einsatz für Kinder oder Schülerinnen gezeigt". Sie würden von Gewerkschaftschef Fritz Neugebauer (ÖVP), dem "lebenden Denkmal der starren Unverrückbarkeit", ebenso stark beeinflusst wie von Landeshauptleuten, die keine Kompetenzen an den Bund abgeben wollten. "Faymann und Spindelegger wollen es sich mit niemandem verscherzen, der irgendeinen Einfluss auf ihre Machterhaltung und ihre Wiederwahl hat", so Schilcher. "Ich kenne kein zweites Land, wo beim kleinsten Schmarren statt einer sachlichen Lösung die Sicht einer Partei, einer Interessenvertretung oder eines weltanschaulichen Klüngels entscheidend ist."
In den vergangenen fast 250 Jahren seit Maria Theresia habe sich genau deshalb bis auf "da ein bisschen Schulpartnerschaft, dort ein neuer Schulversuch oder etwas weniger Sitzenbleiben [...] nichts Entscheidendes getan", so Schilcher, der in seinem Buch ebenso einen historischen Abriss zeichnet wie die aktuellen Baustellen aufzeigt: eine "schwach entwickelte, föderalistisch zersplitterte Frühförderung", keine gemeinsamen Ganztagsschulen, "die endlich die ständig gleiche Vererbung von höheren Bildungsabschlüssen in diesem Land durchbrechen könnten", ein unzeitgemäßer frontaler Einheitsunterricht sowie Chancenungleichheit für Kinder aus bildungsfernen Schichten und mit Migrationshintergrund. Die Schulverwaltung sei zudem "in Österreich ganz besonders aufgebläht, ganz besonders bürokratisch-zentralistisch, ganz besonders antiquiert und noch dazu sauteuer". Bevor man daher eine neue Pädagogenausbildung angeht, müsse man das System an sich grundlegend reformieren. "Je freier und autonomer man seinen Unterricht gestalten kann", so Schilcher, "desto besser geht es den Lehrerinnen und Schülerinnen."
Versagt die Politik, "muss sich das Volk wieder einmischen", richtet Schilcher, der "unverdrossen" an die Reformierbarkeit des Bildungssystems glaubt, seinen Appell an die Gesellschaft. Helfen könnten da Volksbegehren wie jenes, das er im Vorjahr gemeinsam mit Ex-SP-Vizekanzler Hannes Androsch initiiert hat und das gerade in einem Sonderausschuss im Parlament behandelt wird. "Sobald sich dieser Druck auf die Bürgerinnen und Wählerinnen übertragen hat", meint Schilcher, müssen Faymann und Spindelegger "klein beigeben und ihre Strategie des Stillstands und Durchtauchens am Altar der demokratischen Wahlen opfern."
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