Wien. Unkonkretheit und ein Mangel an alternativen Lösungsvorschlägen wurde laut der Bundesvertretung der Österreichischen Hochschülerschaft (ÖH) den Studenten von Wissenschaftsminister Hahn 2009 vorgeworfen. Damals protestierten diese lautstark für freie Bildung für alle und gegen die Ökonomisierung der Hochschulen. Gegen diesen Vorwurf kämpft die ÖH in Buchform an.
Im Sammelband "Forum Hochschule" schlägt die ÖH konkrete Lösungen wie Stipendiensysteme, Vereinheitlichung des Hochschulsektors und stärkere Mitbestimmung vor. "Ich kann mich nicht erinnern, dass die ÖH je so ein umfangreiches Konzept vorgelegt hat," lobte Heinrich Schmidinger, Vorsitzender der Österreichischen Universitätskonferenz bei der Präsentation im März 2012.
Um mehr Mitbestimmung zu ermöglichen wird eine neue Gremienstruktur vorgestellt: Die momentane Struktur, in der die Entscheidungshoheit beim Rektorat liegt, soll verändert werden, so Martin Schott aus dem ÖH-Vorsitzteam zur "Wiener Zeitung". Er fordert stattdessen einen von Studierenden und Lehrenden gewählten Senat. Ein zentrales Anliegen ist des Weiteren ein neues Finanzierungsmodell. Geldflüsse sollen transparent werden, um aufzuzeigen wer sich an welchen Ausgaben beteiligt.
ÖH fordert Direktausbezahlung der Familienbeihilfe
In Bezug auf soziale Absicherung präsentiert die ÖH einen sehr ambitionierten Lösungsvorschlag: Ein Grundstipendium für alle Studierende. Dass dieses kostspielige Ziel in näherer Zukunft eher unrealistisch ist, ist der ÖH jedoch klar. Deshalb wurden auch zwei "kurzfristige Maßnahmen" vorgestellt: Die Direktausbezahlung der Familienbeihilfe und ein spezieller Status für Teilzeitstudenten, die neben dem Studium arbeiten müssen. Für diese fordert die ÖH länger ausgezahlte staatliche Unterstützungen. So soll Rücksicht genommen werden, wenn die zwei Toleranzsemester von arbeitenden Studenten überschritten werden.
Zu wenig Bildung um der Bildung willen
Im von der ÖH zuvor herausgegebenen Sammelband "Wessen Bildung? – Beiträge und Positionen zur bildungstheoretischen Debatte" wird das Thema Bildung theoretischer beleuchtet. Die Finanzierung der Hochschulen reflektiere die Herangehensweise der Gesellschaft an die Bildung, so Schott. Joseph Bakic und Wolfgang Horvath kritisieren, dass die Studenten an den Hochschulen zusehends hinlänglich ihrer Verwertbarkeit am Arbeitsmarkt ausbildet werden. Bildung um der Bildung willen komme zu kurz.
Bologna-Prozess schießt am Ziel vorbei
Juliane Soyka weist auf die Auswirkungen des Bologna-Prozesses und die dreigliedrige Studienstruktur in Bachelor, Master und PhD hin. So führten die europaweit einheitlichen ECTS-Punkte nicht wie gewünscht zu einem Anstieg an Auslandsemestern. Die Planung dieser wurde sogar im Gegenteil eher komplizierter. Denn die ECTS-Punkte seien eher willkürlich gesetzt und an verschiedenen Universitäten trotz gleicher Lehrveranstaltungsbeschreibung unterschiedlich. Außerdem wurden unter anderem auch die kürzere Studiendauer im Bachelor, der größere Druck in Mindestzeit zu studieren und die Modularisierung Hürden darstellen.
Thomas Wallerberger formuliert in seinem Beitrag ein weiteres Anliegen der ÖH: Die Vereinheitlichung der verschiedenen Hochschulen zu einem Sektor. "Die einheitliche Organisation der Universitäten, Fachhochschulen und andere Hochschulen würde die Verwaltung und Finanzierung vereinfachen und die Rechte der Studenten vereinheitlichen. Dazu kommt, dass viel höhere Transparenz erreicht werden könnte", erklärt Schott. "Bis jetzt konnten wir die Umsetzung konkreter Forderungen noch nicht erreichen. Aber es wird spannend, wenn es jetzt zu den nächsten Veränderungen im Hochschulbereich kommt," sagt Schrott.
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