• vom 15.09.2016, 15:57 Uhr

Heranwachsen

Update: 16.09.2016, 16:05 Uhr

Digitale Spiele

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Von Petra Paterno

  • Kindheit 2.0 als pädagogisches Minenfeld: Machen digitale Medien Kinder dümmer oder klüger?

In jedem dritten Haushalt wird darüber gestritten, wie viel Zeit Kinder vor den Bildschirmen verbringen dürfen. - © fotolia/bramgino

In jedem dritten Haushalt wird darüber gestritten, wie viel Zeit Kinder vor den Bildschirmen verbringen dürfen. © fotolia/bramgino

"Ein Buch lesen, um bloß die Zeit zu töten, ist Hochverrat an der Menschheit", notierte Johann Adam Bergk anno 1799 in seinem Pamphlet "Die Kunst, Bücher zu lesen". Mit dieser - aus heutiger Sicht haarsträubenden - Meinung über die Gefahren des Lesens, traf der deutsche Philosoph und Privatgelehrte den Nerv des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Vor einer "Lesewut" wurde gewarnt, bald sprach man von "Lesesucht". Zur Risikogruppe gehörten Jugendliche - und Frauen. Eine zu intensiv betriebene Lektüre könne - so die damals gängige Auffassung - zu Vereinsamung, Verwahrlosung, Verrohung führen.

Das Buch, der Untergang des Abendlands. Die Lektüre wurde spätestens dann rehabilitiert, als der Fernseher populär wurde. Postwendend wurde das neue Medium verdammt. Wer zu viel vor der Glotze sitze, dem drohen Abstumpfung, Trägheit, Realitätsverlust, Aggression. Heute trifft es die digitalen Medien, den Umgang mit Smartphone, Tablet, Computer & Co. Risikogruppe: Kinder und Jugendliche.

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iPhone-Syndrom

Die Argumente haben sich im Lauf der Jahrhunderte kaum verändert. Nur wird die Kontroverse gegenwärtig noch schärfer geführt, weil viele Eltern verunsichert sind. Die Debatte pendelt zwischen den Polen, die Manfred Spitzer in "Digitale Demenz" und Georg Milzner in "Digitale Hysterie" abstecken. Der deutsche Hirnforscher Spitzer warnt in seiner Publikation vor den zersetzenden Auswirkungen intensiver Internetnutzung. Hingegen beschwichtigt der deutsche Psychotherapeut Milzner besorgte Eltern: Computerspiele seien besser als ihr Ruf, so seine These. Sie helfen Kindern und Jugendlichen dabei, mit der Welt von morgen fertig zu werden.

Gefährdet zu viel Medienkonsum die Entwicklung der Kinder oder beflügelt es sie? Kein Experte, keine Studie vermag dies letztgültig zu beantworten. An diesen Fragen lässt sich vielmehr ablesen, wie tief greifend die digitale Kultur unsere Gesellschaft bereits verändert hat und laufend weiter verwandelt - was eben auch zu Verunsicherungen führen darf. Digitale Medien durchdringen den Alltag von Groß und Klein dermaßen, dass ein Aufwachsen ohne Smartphone, Tablet, Computer kaum mehr denkbar ist. Es sieht ganz danach aus, als würde das, was Kindheit ausmacht - Spiel, Spaß, Neugier, Entdeckungen - sich zunehmend in digitale Sphären verschieben.

Dabei kommt es auch zu fragwürdigen Auswüchsen. Als "iPhone-Syndrom" bezeichnet etwa der US-Psychologe Jim Taylor in seinem Elternratgeber "Raising Generation Tech - Preparing your Children for a Media-Fueled Word" jenes Phänomen, bei dem Eltern reflexhaft gelangweilten Kindern ihr Smartphone in die Hand drücken, damit sie unterwegs Ruhe geben. "Die Kinder lernen: Wenn sie quengelig sind, werden sie unterhalten", so Taylor. Was sie nicht lernen, ist Geduld und die Fähigkeit, mit Langeweile selbst umzugehen.

Dazu kommt, dass der natürliche Lebensraum für Kinder in den vergangenen 100 Jahren geschrumpft ist. Kleine Menschen verbringen heute mehr Zeit denn je in geschlossenen Räumen. Kontakt mit der Natur, mit Wasser, das nicht aus der Leitung kommt, mit Sand, der nicht im Sandkasten liegt, wird seltener. Der Verlust dieser Erfahrungsräume ist ein Nebeneffekt moderner, urbaner Lebensführung. Es mag nicht verwundern, wenn ein Kind nicht gut klettern und schwimmen, sich die Schuhbänder nicht selbst zubinden kann, aber souverän mit Smartphones hantieren kann.

Die Kinder wachsen als "Digital Natives" auf, während viele Eltern sich bestenfalls als "Digital Immigrants" empfinden, als Einwanderer in eine neue Welt, faszinierend, aber auch etwas fremd.

Zeit vorm Bildschirm

Die drängendste Frage für nicht wenige Erziehungsberechtigte lautet wohl: Welche Dosis Medienkonsum ist für welches Alter verträglich? Laut einer Forsa-Studie belasten Konflikte über den Umgang mit Computern in jedem dritten Haushalt das Familienleben. Aber nicht nur innerhalb der Familien wird um Spielzeit vor den Bildschirmen gefeilscht, auch Medienpädagogen, Psychiater und andere Experten streiten sich darüber vortrefflich. Einigung nicht in Sicht.

Manche Pädagogen empfehlen Richtwerte, formulieren Faustregeln wie: Kindergartenkinder sollten täglich nicht länger als eine halbe Stunde vor Bildschirmen verbringen, Volksschulkinder etwa 45 Minuten, für 10-Jährige wurden neun Stunden pro Woche eruiert. Ab dann wird’s schwierig. Wie will man Jugendliche mit der Stoppuhr einbremsen?

Medienpädagogen lehnen solche Richtlinien in der Regel ab. Zu individuell sei der Umgang der Kinder mit den Medien. Wichtiger sei weniger, wie lange ein Kind fernsieht oder am Tablet spielt, sondern was es dabei sieht und tut. Die Aufgabe der Eltern liege demnach darin, die Kinder beim Umgang mit digitalen Medien zu begleiten. Dieser Prozess beginnt damit, das eigene User-Verhalten zu hinterfragen. Wer selbst pausenlos online ist, darf sich nicht wundern, wenn der Nachwuchs das auch möchte. Es geht um Vertrauen, Anteilnahme und Präsenz, sich nicht vor lauter Sorge allem zu verschließen, sondern sich dafür zu interessieren, was das Kind am Computer treibt.

Der Mensch sei nur da ganz Mensch, wo er spiele, schrieb Friedrich Schiller einst. Warum sollte das für digitale Spielräume nicht gelten?

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-09-15 16:02:07
Letzte ─nderung am 2016-09-16 16:05:08



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