• vom 20.06.2012, 16:55 Uhr

Heranwachsen

  • Artikel
  • Lesenswert (2)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



An der PH Wien wird der Schreibunterricht ab Herbst auf neue Beine gestellt

Schreiben neu erlernen


Von Petra Tempfer

  • Nicht die Schönschrift, sondern Motorik soll künftig im Mittelpunkt stehen.

Wer nicht so schnell ist - etwa ein Legastheniker -, könnte bei der neuen Methodik auf der Strecke bleiben, fürchten Kritiker.

Wer nicht so schnell ist - etwa ein Legastheniker -, könnte bei der neuen Methodik auf der Strecke bleiben, fürchten Kritiker.© dpa/dpaweb Wer nicht so schnell ist - etwa ein Legastheniker -, könnte bei der neuen Methodik auf der Strecke bleiben, fürchten Kritiker.© dpa/dpaweb

Wien. Ganz langsam setzt der sechsjährige Oliver beim Schreiben seines Namens zum "O" an. Mehrmals hält er inne auf dieser Reise vom Anfangs- zum Endpunkt, bis er schließlich den Kreis schließt. Das Ergebnis: ein zittriges "O" mit zahlreichen Dellen. Für einen Volksschüler freilich typisch und eine gute Leistung. Dass Schreibenlernen allerdings schneller und effektiver möglich ist, hat ein Wiener Pilotprojekt gezeigt, das im Herbst des Vorjahres gestartet ist und dessen Ergebnisse nun vorliegen. Die Pädagogische Hochschule (PH) Wien, die das Projekt wissenschaftlich begleitete, hat bereits angekündigt, die neue Methodik ab dem kommenden Schuljahr in die Deutschdidaktik-Ausbildung einfließen zu lassen.

Werbung

Die Basis ist ein völlig neuer Zugang zum Schreibenlernen: Nicht die Schönschrift, sondern die Motorik soll künftig im Mittelpunkt stehen. Im Zuge des Pilotprojektes wurden daher Erstklässler aus Wien-Liesing einmal wöchentlich motorisch trainiert. Zwei Klassen fungierten als Projektgruppe. Eine weitere, in der die Schüler wie bisher unterrichtet wurden - darunter Oliver -, diente zum Vergleich. Die Kinder der Projektklassen mussten zum Beispiel ohne abzusetzen die Zacken und Zähne eines Krokodils nachzeichnen - und in diesen "M", "W", "N" und "V" erkennen. "Es geht um das bildliche Verständnis der Buchstaben und nicht um langsames Schönschreiben", erklärte Sensomotorik-Experte Christian Marquardt am Mittwoch vor Journalisten. Er begleitete das in Kooperation mit einem Stiftehersteller ("Schwan-Stabilo") durchgeführte Projekt.

Im Laufe des ersten Schulhalbjahres 2011/12 wurden die Kinder vier Mal getestet. Mit einem speziellen Stift gaben sie Schreibproben auf einem grafischen Tablet-Computer ab, der Schreibgeschwindigkeit und -druck maß. Das Ergebnis: "Die Schüler der Projektklassen schrieben doppelt so schnell", so Marquardt.

Schnell und schön
Künftig also schon ab der Ersten schnelles, dafür nicht schönes Schreiben? "Das eine schließt das andere nicht aus", meint dazu PH-Institutsleiterin Margit Heissenberger. Vielmehr werde zusätzlich schon von der ersten Volksschule an mehr auf die Bewegung geachtet, die Form trete dabei nicht in den Hintergrund. Die Schüler würden dadurch zwar mehr gefordert, entwickelten aber rascher ihr eigenes Schriftbild. "Wer hingegen von Anfang an extrem schön schreiben soll, wird auf Langsamkeit trainiert. In der Dritten soll er dann plötzlich schnell schreiben - und die Schrift bricht auseinander", ergänzt Marquardt.

"Um die neue Methodik in den Schulalltag hineinzubringen, stellen wir bereits ein Team auf", sagt Heissenberger. Gleichzeitig arbeite man in Zusammenarbeit mit dem Stadtschulrat an Fortbildungskonzepten wie etwa Workshops zu dem Thema; auch eine internationale Studie sei geplant.

Nicht alle sind jedoch vom neuen Schreibenlernen überzeugt: Vor allem die Schwächeren wie Legastheniker könnten auf der Strecke bleiben. "Bei Teilleistungsschwächen im optischen Bereich steht der Buchstabe im Vordergrund: Er muss immer wieder schön und langsam nachgezeichnet werden, damit ihn sich die Kinder einprägen", meint etwa die diplomierte Legasthenietrainerin Barbara Libal. Das mache zwangsläufig langsamer. Zieht der Rest der Klasse durch schnelles Schreiben weg, würden schwächere Kinder noch frustrierter und unmotivierter. Weil sie zum Beispiel für ein "O" doppelt so lange brauchen - und das noch dazu zittrig ist.




Schlagwörter

Schreiben, Schule

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-06-20 17:03:07


Werbung



Beliebte Inhalte



Mit neun Wochen Sommerferien haben Österreichs Schüler eher eine vergleichsweise kurze Verschnaufspause, bevor im Herbst die Schule wieder startet. - APAweb/dpa/Daniel Reinhardt Wien. Die österreichischen Kinder starten im europäischen Vergleich eher spät in die Ferien und liegen auch bei der Urlaubsdauer nur im unteren...weiter

Noch sind Janine Wulz (l.) und Martin Schott (2.v.r.) an der ÖH-Spitze, hier im Bild mit Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle (2.v.l.) und Claudia Gamon (r.). - APAweb / Herbert Neubauer Wien. In den Verhandlungen um den Vorsitz der Österreichischen HochschülerInnenschaft (ÖH) stehen die Zeichen auf einer Neuauflage der aktuellen...weiter

Der grasgrüne Freddy - Drachengasse
  • "Der grasgrüne Freddy" ist von 18. bis 21. Juni im Theater in der Drachengasse zu sehen.
  • weiter

Großer Andrang: Im Studienjahr 2012/2011 hatte die Uni Wien fast 30 Prozent mehr Studierende als 2010/2011. - APAweb / Georg Hochmuth
  • Biologie soll von Althanstraße in die Bohrgasse übersiedeln.
  • weiter

 Unterrichtsministerin Claudia Schmied und Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle am Mittwoch, 3. April 2013, im Rahmen eines Pressegespräches zum Thema "Aktuelles zur Pädagog/innenbildung Neu" in Wien. - APAweb / Hans Klaus Techt
  • ÖVP-Vertreter gegen ungleichwertige Bezahlung von Lehrern.
  • weiter

Erfahrung sammeln: Das sollen künftige Allgemeinmediziner in Ordinationen. Aber die Ärztekammer kritisiert, dass sechs Monate Praxis zu kurz sind. - fotolia
  • Ärztekammer übt heftige Kritik: Lehrpraxen müssen bezahlt werden.
  • weiter

Bittner, Kandlhofer oder Schwarz-Hausmann - einer wird Patientenombudsmann. apa/archiv
  • Wiener Patienten bekommen einen zweiten Fürsprecher für ihre Rechte.
  • weiter

Das Bildungsministerium in Polen hat die Forderung der katholischen Kirche abgelehnt, Religion auf die Liste der Matura-Fächer zu setzen. - EPA / ENNIO LEANZA Warschau. In Polen gibt es Streit um Religion als Matura-Fach: Das Bildungsministerium hat die Forderung der katholischen Kirche abgelehnt...weiter

 Unterrichtsministerin Claudia Schmied und Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle am Mittwoch, 3. April 2013, im Rahmen eines Pressegespräches zum Thema "Aktuelles zur Pädagog/innenbildung Neu" in Wien. - APAweb / Hans Klaus Techt
  • ÖVP-Vertreter gegen ungleichwertige Bezahlung von Lehrern.
  • weiter

Essenzielle Chance für Kinder aus sozial schwierigen Verhältnissen oder Entmündigung der Eltern? Die Meinungen über den verpflichtenden Kindergartenbesuch für Einjährige gehen auseinander. - fotolia
  • Mit ihrem provokanten Vorstoß bleibt Brandsteidl selbst in der Partei allein.
  • weiter





Ein Fahrrad an einer Kreuzung mitten im 9. Bezirk war der etwas ungewöhnliche Rastplatz für ein Bienenvolk.

Guten Tag, Lubango! Der Giraffen-Junge kam am Samstag, 15. Juni, zur Welt. 18.6.2013: Heute herrscht in Österreich wieder Badewetter: Über 35 Grad Celsius werden erwartet.

Kunstraub der anderen Art: Von einer Hauswand  in London ausgemeißelt wurde im Februar das Banksy-Graffitikwerk "Slave Labour". Kurz darauf tauchte es bei einem Auktions-Haus in Miami in Florida wieder auf. Am 2. Juni wiederum wurde es trotz Proteste um 1,1 Millionen Dollar in London versteigert. Das Kulturbild der Woche geht nun für zwei Wochen auf Urlaub und ist am 24.Juni wieder zurück. Ein frömmelnder Heuchler schleicht sich in das Vertrauen eines alten Patriarchen und versucht, sich alles anzueignen, was diesem teuer ist: Frau, Haus und Tochter. Abgespielt hatte sich das Ganze in der Wohnküche eines Landhauses, auf den Brettern des Akademietheaters. Im Bild: Gert Voss (r.) als "Orgon", Edith Clever (m.) als "Dorine" und Adina Vetter als "Marianne".

Werbung