• vom 12.10.2012, 11:00 Uhr

Heranwachsen

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Lasst die Kinder spielen!


Von Mathias Ziegler

  • Wer die Entwicklung seiner Kinder fördern will, sollte ihren Spieltrieb unterstützen - und auch selbst mitspielen, um geistig fit zu bleiben.

Ihre Umwelt spielerisch zu entdecken ist wichtig für Kinder. - © KidStock/Blend Images/Corbis

Ihre Umwelt spielerisch zu entdecken ist wichtig für Kinder. © KidStock/Blend Images/Corbis

Haben Sie Kinder?

Wenn ja, wie oft spielen Sie mit ihnen? Es kann nicht oft genug sein. Denn jedes Spiel - egal ob Brett- oder Kartenspiel - ist ein Schritt hin zu einem ungetrübten Lebensabend ohne Alzheimer. Immer mehr Studien kommen nämlich zu dem Ergebnis, dass nicht nur Denksport wie Kreuzworträtsel oder Sudoku, sondern auch Gesellschaftsspiele sich positiv auf die Gehirnleistung auswirken und dem Abbau der sogenannten grauen Zellen entgegenwirken. "Spiele wie Schach, Mühle oder Tarock sind als kognitives Training zu sehen", erklärt der Wiener Neurologe Peter Dal-Bianco. Er zählt diese Spiele zu den sogenannten Leisure Activities, den Freizeitaktivitäten, die den Geist fit halten - so wie Tanzen, Schwimmen oder Wandern den Körper - und damit tatsächlich einen gesundheitlichen Mehrwert haben. "Fernsehen zählt nicht dazu, Bücher lesen hingegen schon", führt Dal-Bianco aus. Freilich sollten es Gruppenspiele sein - bei (Computer-)Einzelspielern wurden die positiven Effekte bisher nicht festgestellt. "Der Computer ist kein adäquater Partner, das gilt auch für Online-Mitspieler. Man muss das Gegenüber mit allen Sinnen wahrnehmen, damit das limbische System etwas davon hat", sagt der Neurologe.

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Das limbische System - das ist eine Funktionseinheit des Gehirns, die der Verarbeitung von Emotionen und der Entstehung von Triebverhalten dient, also auch des Spieltriebs. Dem limbischen System werden auch intellektuelle Leistungen zugesprochen. Soweit die Theorie. In der Praxis steht für die meisten Menschen der Spaß im Vordergrund, der Austausch mit Familienmitgliedern oder guten Freunden - und der Gesprächsstoff, der sich oft direkt aus dem Spiel heraus ergibt. Mit dieser Geselligkeit kommt ein zweiter Aspekt des Spielens zu tragen, den der Psychotherapeut Ferdinand Wolf ins Treffen führt: "Spielen hat eine psychohygienische Funktion." Einerseits schalten wir beim Spielen vom anstrengenden Alltag ab (oder versuchen es zumindest), andererseits agieren wir beim Spielen mit anderen Erwachsenen anders als im täglichen Existenzkampf und Berufsleben. "Das Gehirn kann dann in anderen Bahnen denken", formuliert es Wolf. Somit ist das Spielen wichtig für sogenannte Work-Life-Balance, für das innere Wohlbefinden.

Die Umwelt entdecken

Kinder sollten deshalb von Beginn an die Möglichkeit zum Spielen haben. "Die Fähigkeit dazu ist allen gesunden Kindern angeboren", sagt Waltraut Hartmann vom Charlotte-Bühler-Institut für praxisorientierte Kleinkindforschung in Wien, "denn Spielen ist eine Form der Auseinandersetzung mit der Umwelt." Kleine Kinder greifen nach Dingen (und beispielsweise auch nach fremden Fingern und Gesichtern), nehmen sie in den Mund und lutschen daran, heben sie auf, werfen sie, klettern hinauf, horchen, sprechen - all dies, um mit ihrer Umgebung in Kontakt zu treten und deren Eigenschaften und Reaktionen kennenzulernen. Der Spieltrieb gehört da bei Mensch und Tier dazu, erklärt Hartmann. "Dadurch, dass das Spiel lustbetont ist, wird es von Menschen- und Tierkindern unzählige Male wiederholt." Die Erfahrungen, die sie dabei machen, sind unverzichtbar für das spätere Leben.

Deshalb ist das Spielen, vor allem das selbstbestimmte Spielen, auch so wichtig für die Entwicklung: Motorik, Gedächtnis und Denken, Lernmotivation und Frustrationstoleranz, Fantasie und Kreativität, soziale und sprachliche Kompetenzen, Problemlösefähigkeit und Selbstsicherheit - all dies wird dabei entwickelt. Wer Kinder ständig am Spielen hindert, sei es durch starken Leistungsdruck, durch Unverständnis der Eltern oder durch mangelnde Anregungen, behindert auch ihre Entwicklung.

Zu viel Spielzeug

Lässt sich also umgekehrt daraus schließen, dass je mehr Spielzeug vorhanden ist, die Entwicklung umso besser ist? Nun, da widerspricht die Entwicklungspsychologin: "Zu viel Spielzeug langweilt. Sicher haben viele Kinder bei uns zu viel Spielzeug, das betrifft zum Beispiel Kuscheltiere, Billigspielsachen, Autos, Puppen und Ähnliches." Sie plädiert dafür, das Spielzeug immer wieder zu erneuern: "Das, was schon zu leicht ist, gehört aussortiert - außer die Kinder hängen sehr daran. Kuscheltiere und Puppen benötigen Kinder meist nicht in großer Anzahl, dafür sind Baumaterialien und Konstruktionsspielzeug oft nicht in genügender Menge vorhanden." Hartmann verweist in diesem Zusammenhang auf den sogenannten spielzeugfreien Kindergarten: Da wird gemeinsam mit den Kindern für drei Monate das gesamte Spielzeug weggeräumt, und stattdessen gibt es Schachteln, Decken, Bretter und anderes, mit dem sich die Kinder beschäftigen. Das fördert die Kreativität. Und interessanterweise wird das Fertigspielzeug in dieser Zeit kaum vermisst.

Kinder, die zwangsläufig ohne Spielzeug im herkömmlichen Sinn auskommen müssen, etwa in Kriegsgebieten, finden andere Möglichkeiten, ihre Welt spielerisch zu entdecken. Sie ahmen zum Beispiel mit Stöcken, Steinen oder selbstgefertigten Waffen kriegerische Auseinandersetzungen nach, so wie es in ihrer Umwelt erleben.


© Patrick Molnar/Corbis © Patrick Molnar/Corbis




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-10-10 14:44:06
Letzte Änderung am 2012-10-11 16:17:50


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