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Update: 27.12.2014, 13:31 Uhr

Erwachsenenbildung

"Schöne neue, brüchige Arbeitswelt"




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Von Bettina Figl

  • Ein Interview über selektive Schulsysteme, prekäre Jobs und gefährliches Expertentum.


© corbis/Uwe Krejci © corbis/Uwe Krejci

"Wiener Zeitung": Während in der Bildungspolitik derzeit sehr oft vom lebenslangen Lernen die Rede ist, kritisieren Sie diesen Ansatz. Wieso?

Ulla Klingovsky: Weil die Gefahr besteht, dass sich der Staat und die Gesellschaft damit zusehends aus der Verantwortung ziehen und das Geschehen dem Markt überlassen. Ob der Einzelne am Arbeitsmarkt scheitert oder Erfolg hat: Dafür wird er allein verantwortlich gemacht.

Information

Ulla Klingovsky (Jg. 1971) ist Professorin für
Erwachsenenbildung und Weiterbildung am Institut für Allgemeine Pädagogik der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.


Aber ist denn der Staat verantwortlich? Was ist mit der Verantwortung des Einzelnen?

Die Geschichte der Erwachsenenbildung ist eine politische. Menschen haben sich aus der Unmündigkeit befreit und der Vernunft bedient. Doch dieser Gestaltungsspielraum ist aufgrund der gesellschaftlichen Transformationsprozesse der vergangenen Dekaden aus dem Blick geraten. Es ist völlig verloren gegangen, dass es eine gesellschaftliche Verantwortung für unser Miteinander gibt. Es ist die Aufgabe des Staates, die strukturellen Bedingungen für Bildung zu schaffen, zu stärken und gesetzlich zu verankern, dass jeder Mensch ein Recht auf Weiterbildung hat - das ist ganz etwas anderes, als zur Pflicht der Weiterbildung aufzurufen.


© corbis/Uwe Krejci © corbis/Uwe Krejci

Welche Veränderungen nehmen Sie in der Arbeitswelt wahr?

Es wird immer wichtiger, dass sich der ganze Mensch einbringt, jeder soll Unternehmer seiner selbst werden. Es gibt Beschäftigungsverhältnisse mit viel Verantwortung und Spielraum, und Menschen scheinen sich darin wohlzufühlen. Selten spricht man davon, dass diese schöne neue Arbeitswelt brüchig ist: Die Tendenz zum zweiten und dritten Job oder der Zeitarbeit gibt es. An den Unis hanteln sich junge Mitarbeiter von einer Projektstelle zur nächsten, das erschwert die Lebensplanung. Die Quote der befristeten Beschäftigungen bei angestellten wissenschaftlichen Mitarbeitern liegt an den Unis bei 85 Prozent. Auf eine unbefristete Stelle kommen also rund sieben befristete Stellen. Auch in der Erwachsenenbildung kann man fast nicht mehr von einem Beruf sprechen; das sind Beschäftigungsmaßnahmen auf kurze Zeit.

Kommen wir zu Ihrem Spezialgebiet, dem Lernen. Wieso verhindert die Schule das Lernen?

Weil sie nur vorgaukelt, es ginge ums Lernen. Dabei legt sie durch die institutionelle Struktur nahe, echtes Lernen sei nicht nützlich, um zu bestehen, daher entwickelt man Lernstrategien, die es ermöglichen, durchzukommen: Auswendiglernen, reproduzieren, und danach wird alles wieder vergessen. Mit expansivem Lernen, also der Erweiterung des Bedeutungshorizontes und dem Verstehen von Zusammenhängen, hat das nichts zu tun.

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Dokument erstellt am 2014-12-26 17:26:06
Letzte nderung am 2014-12-27 13:31:16



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