• vom 13.10.2015, 20:30 Uhr

Heranwachsen


Studie

Junge sagen ja zu Politik und nein zu Fremdenhass




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Von Eva Stanzl

  • Shell-Jugendstudie 2015 sieht eine politische, vielfältig interessierte Generation.
  • Die Gründung einer eigenen Familie wird weniger wichtig.



Berlin/Wien. Immer noch pragmatisch, aber im Aufbruch: Forscher sehen einen Sinneswandel bei Menschen im Alter von 12 bis 25 Jahren. "Noch 2010 war es eine pragmatische Generation. Heute sind die Jungen risikofreudiger. Sie sind toleranter und am Weltgeschehen interessiert", erklärt Matthias Albert von der Universität Bielefeld, Leiter der Shell-Jugendstudie 2015, die am Dienstag in Berlin veröffentlicht wurde.

Fast jeder zweite der 2558 in Deutschland befragten Jugendlichen aller Bildungsschichten bezeichnet sich als politisch interessiert. 2002 war es nicht einmal ein Drittel. Auch die Bereitschaft, sich politisch zu engagieren, etwa durch den Boykott von Waren, das Unterzeichnen von Petitionen oder die Teilnahme an Demonstrationen, ist laut Studie gestiegen.

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Sorgen machen jungen Menschen drohende Kriege und Terrorismus. Die Angst vor Arbeitslosigkeit, die größte Sorge der letzten Jahrzehnte, ist geschrumpft. Sozialforscher Ulrich Schneekloth begründet dies mit einer Gesellschaft, "die eine vergleichsweise gute wirtschaftliche Basis" bietet.

Wohlstand schafft Toleranz
Auch die Toleranz gegenüber Zuwanderern und Menschen mit Migrationshintergrund ist gestiegen. So habe die Mehrheit "eine ganz klare Haltung dazu, dass Toleranz etwas ist, was unserer Gesellschaft gut zu Gesicht steht. Bemerkenswerterweise ist die Angst vor Ausländerfeindlichkeit größer als die Angst vor Zuwanderung", sagt Schneekloth. Deutschlands Familienministerin Manuela Schwesig sieht ein Zeichen, dass junge Erwachsene "die Vorteile gesellschaftlicher Vielfalt wahrnehmen. Das ist angesichts der Flüchtlingsproblematik von herausragender Bedeutung."

Junge Menschen haben feste Wertevorstellungen für ihr Leben. Zu ihnen zählen befriedigende soziale Beziehungen in Familie, Partnerschaft und Freundschaft, aber auch die weiteren sozialen Beziehungen. Diese sollen friedlich und gewaltfrei sein. Sie wollen ihre Zukunft aktiv gestalten, sind sich aber des Drucks bewusst, der auf ihnen lastet. "Die Jungen realisieren, dass sich die Welt extrem schnell verrändert und dass sie reagieren müssen", erklärt Matthias Albert. 61 Prozent blicken optimistisch in die persönliche Zukunft - weitaus mehr als 2006 (siehe Grafik).

Schule und ein guter Bildungsabschluss sind zentral. Fast drei Viertel rechnen damit, ihre Berufswünsche verwirklichen zu können. Erfolg steht ebenso groß geschrieben wie die Erwartungen an einen Job. "Sicherheit, ein guter Verdienst und ein angenehmes Arbeitsumfeld spielen eine Rolle. Und man will nützlich sein für die Gesellschaft", sagt Klaus Hurrelmann von der Hertie School of Governance. Arbeitgeber müssen zudem eine gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie bieten. "Unternehmen, die sich nicht auf diese selbstbewusste Generation einstellen, werden Schwierigkeiten haben, hochqualifizierte Junge zu bekommen", warnt Hurrelmann.

Hohe Ansprüche
Es besteht aber auch die Gefahr, an den eigenen Ansprüchen zu scheitern. Eine Gesellschaft, die sich sehr schnell wandelt, ist wenig planungsfähig. "Das verunsichert die Jungen. Andererseits haben sie enorme Möglichkeiten. Daraus ergeben sich riesige Ansprüche an Selbstverwirklichung, Beruf, Erziehung, Kinder und Familie. Aus Angst, nicht alles bewältigen zu können, wird manchmal der Kinderwunsch zurückgestellt", sagt Gudrun Quenzel von der Universität Dortmund. Während sich 2010 noch 69 Prozent eigene Kinder wünschten, sind es heuer 64 Prozent.

2015 haben 99 Prozent der Jugendlichen Zugang zum Internet. Sie sind rund 18,4 Stunden pro Woche online. 2006 waren es weniger als zehn Stunden. Gleichzeitig sind die Jungen über die Problematik der Datennutzung informiert und sehen diese kritisch. Vier Fünftel glauben, dass Konzerne wie Google und Facebook mit den Daten ihrer Nutzer viel Geld verdienen. Obwohl mehr als die Hälfte angibt, häufig Facebook zu nutzen, ist das Vertrauen in dieses Unternehmen gering.




Schlagwörter

Studie, Jugendliche, Deutschland

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Dokument erstellt am 2015-10-13 19:14:07



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