• vom 31.03.2017, 17:00 Uhr

Heranwachsen


Gesellschaft

Das Gift der digitalen Mutterliebe




  • Artikel
  • Lesenswert (16)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Judith Belfkih

  • Neue Medien sind dabei, eine der elementarsten Beziehungen des Menschen zu verändern: jene von Eltern zu ihrem Kind.

"Oversharenting": Jede Regung des Nachwuchses auf Sozialen Medien zu teilen, kann zum Problem werden. Und den Blick auf das eigene Kind verändern. : Irma Tulek

"Oversharenting": Jede Regung des Nachwuchses auf Sozialen Medien zu teilen, kann zum Problem werden. Und den Blick auf das eigene Kind verändern. : Irma Tulek

"Wir haben alle Kinder, nach denen wir verrückt sind - stell dir vor - alle Eltern denken, dass ihr Kind das beste ist. Aber wir binden es nicht allen auf die Nase!!!"

Die Freundinnen einer jungen Australierin hatten die Nase voll. Sie konnten die Fülle an herzigen Babyfotos von deren Tochter nicht mehr ertragen. Ein neues Outfit, die ersten Krabbelversuche, der erste Brei: Jede Regung der Kleinen dokumentierte die Mutter mit einem Posting. "Wir dachten alle, es würde nach dem ersten Monat weniger - aber so war es nicht." Die genervten Freundinnen formulierten ihren Unmut in einem anonymen Brief: "Wenn jede Mutter jede Kleinigkeit über ihr Kind posten würde, hättest du das wohl auch ziemlich schnell satt. Wir können es kaum erwarten, bis du wieder anfängst zu arbeiten."


Das Schreiben hat nicht nur im Internet heftige Diskussionen ausgelöst, weit über den betroffenen Bekanntenkreis hinaus. Denn die Eltern gingen an die Öffentlichkeit.

Die teilfreudige Australierin ist im Netz bei weitem kein Einzelfall. So gut wie jeder Nutzer Sozialer Plattformen ist bereits auf "Oversharenting" gestoßen - einer Mischung aus "Overparenting", also der übertriebenen elterlichen Fürsorge, und dem übermäßigen digitalen Teilen von Inhalten. Jetzt kann man diese medial überschwappende Liebe als lästig abtun, die entsprechende Person aus der eigenen Timeline verbannen. Und darauf hoffen, dass die Begeisterung von selbst abebbt - wie bei realen Kontakten mit jungen Eltern, die oft monatelang kein andres Gesprächsthema als den eigenen Nachwuchs ermöglichen.

Die Konsequenzen des digitalen Überschwangs von Elternliebe sind jedoch umfassender und problematischer. Lässt sich beim monothematisierenden Gegenüber im Kaffeehaus auf Durchzug schalten und auf Normalisierung der Freundschaft hoffen, so bleiben die angehäuften Kinder-Postings im globalen Daten-Gedächtnis haften. Ein Hauptproblem ist dabei die Kontrolle über die Daten - beziehungsweise, dass es eben diese Kontrolle nicht gibt. Kinderfotos nicht mit Name, Adresse oder der besuchten Schule zu versehen, ist ein eigentlich selbstverständlicher Akt zum Schutz des Kindes. Doch es lauern nicht nur reale Übergriffe. Immer wieder dokumentieren Eltern Fälle von digitalem Kidnapping, bei dem (oft selbst kinderlose) Fremde die vielfotografierten Lieblinge als die eigenen Kinder ausgeben. Das Lächeln seines Kindes auf der Werbung für bedruckbare Kaffeetassen oder andren Anzeigen wiederzufinden, ist nur auf den ersten Blick eine harmlose, letztlich jedoch gruselige Variante.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Schlagwörter

Gesellschaft, Soziale Medien

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-03-31 17:06:10



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Kurs auf Gesamtschule
  2. Früher Fremdsprachen-Unterricht in der Schule bringt nur wenig
Meistkommentiert
  1. Früher Fremdsprachen-Unterricht in der Schule bringt nur wenig
  2. Kurs auf Gesamtschule

Werbung




Werbung


Werbung