• vom 26.01.2007, 16:32 Uhr

Schule

Update: 26.01.2007, 18:36 Uhr

Die Hauptschule im vorarlbergischen Bürs hat ihr eigenes Unterrichtskonzept entwickelt

Eine Schule zum Wohlfühlen




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Von Stefan Melichar

  • HS Bürs ist Schule des Monats Jänner.
  • Schwerpunkt auf Individualität und gutem Miteinander.
  • Bürs. Man kann die Konzentration der Erstklassler fast mit Händen greifen. Ein Lehrer hat die Schüler gerade mittels Atem- und Entspannungsübungen auf die unmittelbar bevorstehende Mathematikschularbeit vorbereitet. "Alles, was ich gelernt habe, kommt jetzt ganz leicht aus meinem Gedächtnis", sagt er ihnen vor, während er die Angabenzettel austeilt.

Schließlich soll sich im vorarlbergischen Bürs niemand vor Tests fürchten. Die Hauptschule hat ein international viel beachtetes Lehr- und Lernkonzept entwickelt, das die individuelle Persönlichkeitsbildung der Schüler ins Zentrum des Unterrichts rückt. Das Bürser Modell hat auch die Fachjury der "Wiener Zeitung" überzeugt.


"Es geht uns um Schlüsselqualifikationen wie Selbständigkeit, die Fähigkeit, sich zu präsentieren, und Teamgeist", erklärt Bernhard Neyer, Direktor der Schule des Monats Jänner 2007. Ein Mix aus freiem Arbeiten, projektbezogenem Unterricht, alternativer Beurteilung und sozialem Lernen soll zur Erfüllung dieser Ziele beitragen.

Mehrmals pro Woche findet in den Hauptfächern Deutsch, Mathematik und Englisch kein Frontalunterricht statt. Die Schüler orientieren sich an vorgegebenen Plänen und lernen in ihrem eigenen Tempo mit Hilfe spezieller Unterrichtsmaterialien. Dadurch, dass mehrere Lehrer gleichzeitig in der Klasse sind, können diese auf die Bedürfnisse jedes Schülers eingehen.



Schüler gezielt fördern
Dass dieses System funktioniert, bestätigen Lehrer wie Schüler. "Man gewöhnt sich schnell daran", meint Daniel, der als Viertklassler schon zu den Routiniers gehört. "Man darf halt nicht die ganze Zeit herumfaulenzen" fügt er lächelnd hinzu. "Ursprünglich hat mir die offene Lernform schon Bauchweh bereitet", gibt Ruthilde Thaler, Obfrau des Elternvereins, unumwunden zu. Es hänge halt immer vom Lerntyp eines Kindes ab, aber ihre Tochter komme gut damit zurecht. Letztendlich würden die Lehrer die Freiarbeit auch entsprechend positiv gestalten. Dazu meint die Mathematiklehrerin Silvia Gamsjäger zurückhaltend: "Wir versuchen natürlich schon regulierend einzugreifen."

Jeder Schüler hat die Möglichkeit, zusätzlich zum "Kernstoff" einen "Erweiterungsstoff" zu erarbeiten. Dadurch erübrigt sich die sonst bei Hauptschulen übliche Differenzierung in Leistungsgruppen, und auch Integrationskinder können nahtlos ins Unterrichtsgeschehen einbezogen werden. Ähnlich individuell wie der Wissenserwerb erfolgt die Beurteilung. In den ersten beiden Schuljahren gibt es - in Abstimmung mit den Eltern - keine Noten. Die Schüler erhalten dafür detailliert Auskunft darüber, welche Lernziele sie erreicht oder nicht erreicht haben. "Das hat den Vorteil, dass der Lehrer den Schüler gezielt fördern kann", meint Mathematiklehrer Gerhard Pocza.

Pocza ist Schulkoordinator für soziales Lernen. Dieses dient nicht nur - wie eingangs beschrieben - der mentalen Vorbereitung auf Stresssituationen. "Wir quatschen über Probleme", erklärt Sarah, die mit Mitschülern aus der dritten Klasse die große Pause im Schulhof verbringt. "Außerdem werden Pläne und Wünsche besprochen", fügt ihre Klassenkollegin Linda hinzu. Direktor Neyer bringt es auf den Punkt: "In der Klassengemeinschaft geht es immer um ein gutes Miteinander." Dieses steht auch im Zentrum des sogenannten "Klassenrats": Die HS Bürs ist als Unesco-Schule nämlich verpflichtet, den Schülern Demokratie erlebbar zu machen.



Demokratie lernen
Einmal pro Woche gestalten die Kinder die Diskussion rund um klasseninterne Vorkommnisse und Planungen aktiv mit. Auch das soll dazu beitragen, dass es den Schülern in ihrer Schulgemeinschaft gut geht.

Dem Wohlfühlfaktor wird an der HS Bürs generell ein großer Stellenwert beigemessen. "Ein Kind, das sich wohlfühlt, lernt besser", erklärt Neyer. Das bestätigt auch Frau Thaler und spart in diesem Zusammenhang nicht mit Lob: "Das Besondere an der Hauptschule Bürs ist, dass meine Tochter gern zur Schule geht!"



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2007-01-26 16:32:21
Letzte Änderung am 2007-01-26 18:36:00


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