• vom 20.04.2014, 15:51 Uhr

Schule

Update: 20.04.2014, 15:52 Uhr

Interview

"Politische Bildung ist keine Tugendlehre"




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Von Eva Bachinger

  • Der Politikwissenschaftler Anton Pelinka argumentiert für die Einführung eines Fachs "Politische Bildung".

"Wiener Zeitung": Herr Professor Pelinka, politische Themen sind ja Bestandteil anderer Unterrichtsfächer. Braucht man dann noch ein eigenes Fach "Politische Bildung"?

Anton Pelinka: Politische Bildung ist derzeit als Unterrichtsprinzip mit anderen Fächern verbunden. Das heißt, dass es in der Schulwirklichkeit keine Personen gibt, die sich speziell dafür zuständig fühlen müssen. Es bleibt dem Zufall überlassen, ob ein Lehrer oder eine Lehrerin besonders engagiert ist, ob und auf welche Weise Politik im Unterricht vorkommt. Wenn die Schule Politik als Thema ignoriert, ist das auch eine Botschaft, die ich in einer Demokratie für schlecht halte. Es ist die Schule als Teil des Sozialisationsprozesses, auf den die Politik direkt Einfluss nimmt.


Und wenn die Politik sagt, ihr müsst alles lernen, nur nichts über Politik, ist das auch eine vielsagende Botschaft. Ein eigenes Fach hätte außerdem Verbindlichkeit und würde die lehrenden Personen mit Verantwortung ausstatten, sie auch mit entsprechender Ausbildung und Fortbildung unterstützen. Der gegenwärtige Zustand hilft denen, die sich für Politische Bildung in der Schule sowieso engagieren, aber er hilft nicht, Lücken zu schließen.

Welche Lücken sind das, welche Auswirkungen hat der Mangel an politischer Bildung?

Sicherlich, dass Schüler und Schülerinnen nicht unbedingt mitbekommen, dass Parteien wichtig für Demokratien sind, nicht mitbekommen, was Pluralismus heißt, etwa auch was die Hinnahme von Niederlagen in der Demokratie bedeutet; dass Schülerinnen und Schüler bei einem sehr naiven Politikverständnis stecken bleiben können.

Die Schule ist nun nicht als Alternative zur Primärsozialisation zu sehen, sondern als ein partielles Korrektiv zur Primärsozialisation in der Familie. Sie soll verhindern, dass die Werte der Demokratie, aber auch Wissen über die politischen Prozesse zu kurz kommen. Wenn es kein Verständnis von und kein Wissen über Demokratie gibt, dann hat man eine naive Vorstellung von Politik und Demokratie, die sich in allgemeiner Politiker- und Parteienbeschimpfung äußert, aber nicht in entsprechend konstruktiv-kritischem Handeln.

Konflikte und Kritik sind nun nicht gerade gut angeschrieben.
Demokratie ist Konflikt. Es ist das einzige politische System, das eingesteht, dass Perfektion nicht möglich ist, dass es immer anders werden kann und auch anders werden muss, besser oder schlechter. Deshalb brauchen wir Parteien und den Wettbewerb von Ideen und Interessen. Dass das mit Konflikt zu tun hat, und dass Konflikt nichts Negatives ist, das wäre der harte Kern der Politischen Bildung als Unterrichtsfach.

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Dokument erstellt am 2014-04-18 12:22:14
Letzte nderung am 2014-04-20 15:52:01



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