• vom 10.05.2017, 11:39 Uhr

Schule

Update: 10.05.2017, 12:05 Uhr

Leserbriefe

Achtsamkeit ist kein Rückzug




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Von Karlheinz Valtl, Herbert Hirner, Nicoleta Pfeffer-Barbela

  • Warum "Mindfulness" kein Sedativum ist und auch ein Geschichts-Professor mal ein anderes Institut besuchen sollte.

Valtl

Valtl© Andrea Stölzl Valtl© Andrea Stölzl

Vor Kurzem äußerte sich Theodore Zeldin, Historiker an der Universität Oxford, im Interview mit der Wiener Zeitung sehr kritisch zu Achtsamkeit und Meditation. Achtsam zu sein sei ein Tranquilizer und zu meditieren bedeute, sich vor der Welt und ihren unerwünschten Effekten zu verstecken, so de Tenor des britischen Geschichtsgelehrten und Autors. Die Meinung von Professor Zeldin ist selbstverständlich zu respektieren. Da seine sehr persönliche Vorstellung aber wenig mit dem Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis zu tun hat, möchten wir einige hinlänglich beforschte und belegte Fakten anführen.

Kontemplation ist nicht Rückzug

Information

Zu den AutorInnen: 
Karlheinz Valtl, Zentrum für LehrerInnenbildung der Universität Wien, ist Veranstalter des Symposiums Pädagogik der Achtsamkeit und Sprecher des Netzwerks Achtsamkeit in der Pädagogik.

Herbert Hirner, Urban Care, Initiative zur Förderung der Achtsamkeit.

Nicoleta Pfeffer-Barbela, citySTILLE, Mindfulness Center Vienna

Achtsamkeit ist nicht, wie Theodore Zeldin behauptet, ein grundsätzlicher Rückzug von der Welt. Sie beruht vielmehr im Wesentlichen auf entspannter Aufmerksamkeit, die sich auf den gegenwärtigen Moment richtet und nicht wertet. Sie ist also das genaue Gegenteil asozialen Verhaltens, da sie ihre Aufmerksamkeit dezidiert auf das Gegenüber richtet. Darauf nämlich, der oder dem Anderen aufmerksam zuzuhören und sich zu bemühen zu verstehen – ohne zu (be-)werten oder zu (ver)urteilen. Diese wohlwollende Form der Aufmerksamkeit kann Jede und Jeder im täglichen Leben praktizieren, doch bedarf es dazu eines gewissen Trainings – etwa in Form meditativer Übungen. Die vita contemplativa und die vita activa gehören seit je zusammen. Erstere ist Vorbereitung und Bedingung für die andere. Übung und Bewährung sind als Einheit zu verstehen und mitnichten Rückzug und Versteckspiel. Und schon gar kein Tranquilizer oder Beruhigungsmittel.

Achtsamkeit ist Interaktion

Theodore Zeldin unterstellt der Achtsamkeit Idiotie im altgriechischen Sinn, nämlich den Rückzug ins Private. Auch hier geht der Professor fehl. Denn gerade aktuelle wissenschaftliche Arbeiten thematisieren die sozialen und politischen Bezüge von Achtsamkeit, sei es in den Themenfeldern achtsamer Pädagogik/contemplative teaching (vgl. Barbezat/Bush 2014; Rechtschaffen 2016), Mindful Citizenship (vgl. Carter 2015) oder Achtsamkeit als notwendiges Element von Demokratie (vgl. Hyde/LaPrad 2012). Darüber hinaus hat Achtsamkeit wie erwähnt per se eine stark interpersonale Komponente in den Formen von Mindful Dialogue und Mindful Listening. Und die jüngste Diskussion um Mitgefühl als Teilaspekt von Achtsamkeit hat gezeigt, dass Empathie und soziales Engagement als notwendige Elemente von Achtsamkeit deren kognitive Komponenten ausbalancieren (vgl. Singer/Bolz 2013).

"Anstatt auf sich selbst neugierig zu sein, ..."

"... sollte man neugierig auf andere Menschen sein", doziert Professor Zeldin im Interview. Als Befürworter der Achtsamkeit unterstützen wir diese Aufforderung zum sozialen Austausch und legen Theodore Zeldin nahe, einen Blick auf die Anderen zu wagen. Um sich mit der Achtsamkeitspraxis vertraut zu machen, müsste er nicht einmal weit reisen. Denn an der Universität, an der er Geschichte lehrt, befindet sich die größte europäische Forschungseinrichtung zu Achtsamkeit – das Oxford Mindfulness Center, neben dem Max Planck Institut in Leipzig die erste Adresse zum Thema in Europa. Denn, wie sagt Professor Zeldin völlig richtig: "Man findet neue Lösungen nur, indem man mit anderen Menschen spricht."

Dr. Kalrheinz Valtl, Herbert Hirner, Nicoleta Pfeffer-Barbela zum Interview "Achtsamkeit ist ein Tranquilizer" vom 29.4.2017 von Bettina Figl.





Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-05-10 11:42:25
Letzte nderung am 2017-05-10 12:05:40


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