• vom 17.06.2017, 11:00 Uhr

Schule

Update: 28.06.2017, 16:00 Uhr

Lais-Lerngruppen

Grüne Schule, brauner Anstrich




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Von Werner Reisinger

  • Lais-Schulen tarnen sich als Alternative zur Regelschule, sie verbreiten sich rasant in ganz Österreich. Das Konzept ist völkisch-esoterisch, antisemitisch und kommt aus Russland. Auch Staatsverweigerer und Rechtsextreme mischen mit.

- © Irma Tulek, Foto: getty/Thomas Barwick, Fotolia

© Irma Tulek, Foto: getty/Thomas Barwick, Fotolia

Wien. Mobbing, Leistungsdruck, Probleme im Unterricht - immer mehr Eltern sehen die österreichischen Regelschulen kritisch oder lehnen sie ganz ab. Vielen wird in der Schule nicht mehr das vermittelt, was der Nachwuchs aus ihrer Sicht im späteren Leben braucht. Alternative Angebote wie Montessori, Waldorf oder die anthroposophischen Rudolf-Steiner-Schulen boomen daher. An diesen Trend haben sich auch die sogenannten Lais-Schulen angehängt. Seit 2014 in Klagenfurt das erste Lais-Projekt gegründet wurde, verbreitet sich das Konzept in ganz Österreich. In fast allen Bundesländern sind in den letzten Jahren Lais-Gruppen entstanden. Neben Klagenfurt sind Salzburg, das Waldviertel und die Steiermark Lais-Hochburgen, auch in Oberösterreich gibt es seit kurzem Lais-Gruppen. Im 3. Wiener Gemeindebezirk startete im Frühjahr das Projekt "Co-Learning", wo ebenfalls die Lais-Methode zur Anwendung kommt. Inzwischen sind in Regional- wie auch in Qualitätsmedien etliche Beiträge über Lais erschienen. Kaum jemand aber hatte sich die Mühe gemacht, nachzuforschen, woher dieses gar wundersame Konzept eigentlich kommt.

Wie berichtet, werben Lais-"Schulen", die eigentlich über häuslichen Unterricht laufen, und sich deshalb auch nicht Schulen nennen dürfen, mit absurden Angeboten. "In vier Tagen Mathematik bis zur Matura", "Lesen und Schreiben lernen an nur einem Tag", verspricht die Homepage des Klagenfurter Lais-Teams. Monatlich 250 Euro müssen Eltern pro Kind für die Kursteilnahme berappen. Wie von Zauberhand sollen dann die Kinder voneinander lernen, angstfrei, "natürlich". Nach außen hin treten die Lais-"Schulen" äußerst geschickt in Erscheinung. Die Internetseiten sind perfekt gemacht, nichts deutet auf einen rechtsesoterischen Hintergrund hin. Die russische Schetinin-Schule am Schwarzen Meer, so behauptet Lais-Gründerin Alexandra Liehmann, sei nur eine von zahlreichen alternativen Schulen gewesen, die als Inspiration für Lais gedient hätten. Mit der völkisch-esoterischen Anastasia-Bewegung, die Anhänger des russischen Esoterik-Autors Wladimir Megre seit 2001 im deutschsprachigen Raum populär gemacht haben, will man in Klagenfurt nichts zu tun haben. Liehmann und der ehemalige Tennistrainer und Mentalcoach Dieter Graf-Neureiter, ebenfalls Lais-Begründer in Klagenfurt, stellen einen Bezug zur Anastasia-Bewegung, deren antisemitisches, völkisch-neuheidnisches Gedankengut und Verbindungen ins klassische, rechtsextreme Milieu vergangene Woche der Bayerische Rundfunk in einer Dokumentation ausführlich beleuchtete, in Abrede.

Information

Eine Doku des Bayerischen Rundfunks widmet sich der Anastasia-Bewegung und rechten Esoterik.

Informationsblatt der Schweizer Beratungsstelle InfoSekta


Tätigkeitsbericht der Bundesstelle für Sektenfragen, 2015

Die ORF Sendung "Thema" widmete sich am 19. Juni den Lais-Schulen und der Anastasia Bewegung. Die Sendung gibt es in der ORF TV-thek sieben Tage zum Nachsehen.

Recherchen der "Wiener Zeitung" zeigen jedoch: Alexandra Liehmann ist nicht nur in der heimischen Anastasia-Szene verwurzelt, sie steht auch mit jener Frau in engem Kontakt, die eigene Aussagen zufolge schon 2003 den ersten Anastasia-Lesekreis in Wien gegründet hat: die Anwältin Vera Weld. Weld setzt sich seit Jahren intensiv für die Verbreitung der Anastasia-Lehre in Österreich ein. Sie selbst sei die Erste in Österreich gewesen, erzählt sie stolz im persönlichen Gespräch.

Häufig besucht die Anwältin völkische Landsitze in Russland, hält Vorträge und Seminare und versucht, im niederösterreichischen Waldviertel selbst einen Anastasia-Landsitz zu gründen: das Projekt "Hoffen". Zudem ist Weld in der Staatsverweigerer-Szene hochaktiv. So versuchte sie im Jänner 2017, die Ausweisung Terrence O’Connor zu verhindern. Der US-Bürger spielte eine zentrale Rolle im Pseudo-Gerichtshof "ICCJV", der 2014 im niederösterreichischen Hollenbach ein "Naturgerichtsverfahren" gegen die Sachwalterin von Ute Michaela W., ebenfalls "ICCJV"-Mitglied, durchführen wollte. Weld habe eine Scheinehe einfädeln wollen, um O‘Connor vor der Ausweisung zu bewahren, schreibt der Tiroler Blogger und Szene-Experte Dietmar Mühlböck.

Ein Youtube-Video zeigt Weld auf einem ihrer Seminare in Russland, sie macht Werbung für ihr Projekt "Hoffen". Wo denn die Kinder des Landsitzes in die Schule gehen werden, will eine russische Zuhörerin wissen. Alles kein Problem, es gäbe ja das Lais-Konzept von Alexandra Liehmann, sagt Weld. Sie habe ihr damals den Weg zur Schetinin-Schule am Schwarzen Meer gewiesen.

Liehmann stellt das nicht in Abrede. "Vera Weld war die Kontaktperson in Österreich", schreibt sie per mail auf eine entsprechende Frage. Dass sie nach wie vor mit Weld in Kontakt steht, verneint die Lais-Gründerin. Auch von Welds Engagement in der Staatsverweigerer-Szene wisse sie nichts. Weld selbst aber erzählt eine völlig andere Geschichte. Liehmann sei schon bei ihrem ersten Anastasia-Lesekreis dabei gewesen, "danach sind meine Töchter ausgeschwärmt", sagt sie. Liehmann habe einen eigenen Lesekreis in Klagenfurt gegründet.

Das bestätigen auch Recherchen der ORF-Sendung "Thema" (zu sehen am Montag, 19. Juni in ORF2). Noch immer ist im Internet ein Eintrag von "Anastasia Gruppe Kärnten Organisator Liehmann Alexandra" von 2011 zu lesen. Für den April 2012 wird ein "2. Mutter-Kind Anastasia Treffen" angekündigt: "Thema Siedlungsprojekt, Tauschkreis, Anastasia-Ideen im Alltag umsetzen (...) Stand Familienlandsitze in Russland, Reiseinformationen für Russlandreise in Siedlungen, Dolmen & Schetinin-Schule von Gast Vera Weld", ist zu lesen. "Wann immer ich in Klagenfurt bin, besuche ich sie, wann immer sie in Wien ist, besucht sie mich", sagt Vera Weld über Lais-Gründerin Liehmann, die behauptet, nichts mit der Anastasia-Bewegung zu tun zu haben. "Bei uns in Klagenfurt, an der Forschungsschule, werden keine Ideologien gelebt", behauptet Liehmann. ORF-"Thema" durfte erstmals im Klagenfurter Lais-Institut drehen. Auch gegenüber Thema behauptete Liehmann: "Wir haben mit der Schetinin-Schule nix zu tun. Außer, dass ich mal dort war und mir angesehen habe wie die Kinder dort in Gruppen lernen."

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-06-16 20:32:06
Letzte nderung am 2017-06-28 16:00:40



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