• vom 14.09.2017, 17:34 Uhr

Schule

Update: 15.09.2017, 11:14 Uhr

Bildungskonzeopte der Parteien

Schule in Bewegung bringen




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Von Brigitte Pechar

  • Bildungswissenschafter Stefan Hopmann fordert von der Politik eigenverantwortliche Schulen.

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Wien. "Auf die Frage von Lehrern ,Was ist die beste Schule?‘, sage ich: ,Eure, wenn Ihr sie dazu macht." Bildungswissenschafter Stefan Hopmann hält wenig bis nichts von den bisherigen unzähligen Schulreformen und glaubt nicht daran, dass die Schule durch zentrale Steuerung verbessert werden kann. Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" erklärt er, was passieren muss, um die Schule besser zu machen. Außerdem haben wir die Parteien gebeten, ihre wichtigsten bildungspolitischen Ziele für die kommende Legislaturperiode zu benennen.

Hopmann ist vom Bildungspaket inklusive Schulautonomie, das in einer der letzten Sitzungen des Nationalrats in der abgelaufenen Tagung beschlossen wurde, alles andere als begeistert. "Bestenfalls wird diese Reform unschädlich sein", lautet sein Urteil.

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Stefan Hopmann ist Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Wien.

Er fordert wirkliche Autonomie, die gesamte Verantwortung solle an die Schulen gehen, diese wiederum sollen ein School-Board an ihrer Seite haben, in dem Mitglieder der Region kontrollieren und mitbestimmen. Das setzt allerdings eine andere Finanzierung voraus und vor allem anstelle eines Lehrerdienstrechts einen Kollektivvertrag. Klar vorgegeben müsse dabei sein, was die Kinder am Ende der 4., der 8., der 12. Schulstufe können müssen.

Weg von der zentralen Steuerung

Einen durchgängigen Fehler in der österreichischen Bildungspolitik erkennt Hopmann in der österreichischen kameralistischen beziehungsweise maria-theresianischen Vorgangsweise, Reformen von oben durchzudrücken. Die Formel "Wir schütten oben Geld und Personal hinein und unten kommt Qualität heraus" sei einfach falsch. Ganztagsschulen per se hätten auf die Chancengleichheit keinen Effekt, auch nicht die gemeinsame Schule. "Entscheidend ist der einzelne Schulstandort", betont der Bildungswissenschafter. Daher lautet sein einfacher Rat an alle wahlwerbenden Parteien: "Aufhören zu glauben, dass die Weisheit am Minoritenplatz (Sitz des Bildungsministeriums, Anm.) gebacken wird."

Statt der zahllosen Großmodelle müsse eine Umkehr erfolgen: "Wir müssen Schule in Bewegung bringen. Nicht durch Erlässe, Tests oder mehr Lehrkräfte, sondern dadurch, dass jeder Standort zum Träger seines eigenen Elends wird." Soll heißen, die Schulstandorte müssen Verantwortung übernehmen: budgetär, personell, organisatorisch. Das würde voraussetzen, dass die Mehrfachfinanzierungsstrukturen aufhören, dass Leiter Dispositionsrecht haben gegenüber Kollegen (Schulen müssen sich von unfähigen Lehrern trennen können) und dass sie über ein Budget verfügen. Viele Schulen müssten dafür aber erst räumlich vorbereitet werden - was Investitionen in die Infrastruktur bedeutet.

"Werdet radikal", fordert Hopmann von den Parteien. Wirkliche Schulautonomie müsse her. In Richtung SPÖ sagt er: "Hört auf, die Schwierigkeiten auf Migration oder Flucht abzuschieben - das ist überhaupt nicht das Problem des österreichischen Schulsystems." Anstelle der teuren Laptops sollte man überlegen, ob es nicht andere, dringendere Investitionen brauche. An ÖVP und FPÖ richtet er die Botschaft: "Das ist auch kein Sprachenproblem, das Sprachenproblem kommt immer nur zusätzlich hinzu, wenn es sowieso nicht funktioniert."

Was den Neos-Bildungsgutschein betrifft, ist Hopmann ebenfalls sehr kritisch. Dieser würde zu einer ausgeprägten Ungleichverteilung führen, weil es eben nur einen kleinen Teil der Eltern gebe, der handlungsfähig sei. "Das Autonomiekonzept der Neos, dass Schulen miteinander konkurrieren und die besten werden gewinnen, funktioniert in der Wirklichkeit nicht - sondern die schlechten werden noch schlechter werden."

Schulen müssten dazu gebracht werden, sich gegenüber den Schülerinnen und Schülern, die sie nun einmal haben, angemessen zu verhalten: durch Innendifferenzierung, flexible Unterrichtsgestaltung, Förderung, Familienarbeit. Jede Schule müsse eine klare Kultur für sich entwickeln und herausfinden, wie sie die Schülerinnen und Schüler mitnehmen könne. Eines sei aber klar, nur wenn alle Lehrer an einem Strang ziehen, funktioniere Schule.

Schulen brauchen Freiheit

Dazu brauche es aber auch Freiheit, sagt Hopmann: Schulen müssen Lehrer loswerden können ("Das ist der einzige Beruf, wo man nicht gefeuert werden kann, wenn man die geforderte Leistung nicht bringt"), sie müssen die Stundentafel auflösen können, sie müssen Klassenverbände verschieben können. Dazu brauche es räumliche Voraussetzungen, Unterstützungspersonal.

Mehr Lehrer seien nicht unbedingt nötig, ist Hopmann überzeugt. Vielmehr fehlten eben Sozialtherapeuten, Ergotherapeuten oder andere Berufe. Aber das sei in Österreich eben schwer umzusetzen, weil es zwar Anschubfinanzierungen etwa jetzt für die Ganztagsschule gebe, aber die Gemeinden langfristig die Kosten für Zusatzpersonal übernehmen müssten. Die Lehrer zahle weiterhin der Bund - auch die Landeslehrer -, weshalb die Länder Lehrer gegenüber anderem unterstützenden Personal bevorzugen.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-14 17:39:22
Letzte Änderung am 2017-09-15 11:14:31



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