• vom 20.09.2017, 17:35 Uhr

Schule

Update: 21.09.2017, 10:56 Uhr

Politische Bildung

Die Angst vor Politik in der Schule




  • Artikel
  • Kommentare (5)
  • Lesenswert (27)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Jan Michael Marchart

  • Die Politik antwortet auf gesellschaftliche Probleme oft mit dem Ruf nach mehr Politischer Bildung in den Schulen.







Wien.Johannes Brzobohaty muss immer mit Vorwürfen rechnen. Weil er sagt, was er wählt. Brzobohaty will aber kein Geheimnis daraus machen. Das fände er komisch. Wenn er es argumentieren kann, sei das doch okay. Er möchte auch niemandem seine Meinung aufdrängen. Seine Gegenüber sollen sich ihren eigenen Kopf machen. Dennoch kann es für ihn wie für viele andere seiner Kollegen eine Gratwanderung werden, 50 Minuten lang über Politik zu sprechen. Genau genommen über Parteipolitik. Brzobohaty ist Geschichtslehrer und unterrichtet Politische Bildung in einer Neuen Mittelschule (NMS) in Wien.

"Wenn man klassischen Geschichtsunterricht in der Schule macht, wirkt das nach außen hin so: Der Lehrer schlägt das Buch auf, wir schauen gemeinsam hinein und sehen die große Welt der Vergangenheit", sagt Brzobohaty. "Politik im Unterricht ist etwas anderes, da schwingt mit, dass dir ein Erwachsener erklärt, was du denken sollst oder wie du dir deine Meinung bilden kannst. Das ist ein sehr heikler Prozess." Wie heikel es werden kann, zeigt ein Vortrag des Extremismusexperten und Finanzreferenten der Welser Grünen Thomas Rammerstorfer im März dieses Jahres. Der Vortrag musste auf Druck des FPÖ-Nationalratsabgeordneten Roman Haider abgebrochen werden. In der Klasse saß Haiders Sohn, der den Vortrag unter dem Titel "Die extremistische Herausforderung" zwangsweise hätte besuchen müssen. Rammerstorfer referierte vor 70 Schülern der 8. Klasse eines Gymnasiums in Linz über Salafisten, Staatsverweigerer, Graue Wölfe. Und auch über Burschenschaften und die FPÖ. Noch während der Veranstaltung wurde Haider von seinem Sohn informiert, der empört den Direktor kontaktierte. Die FPÖ Oberösterreich richtete eine anonyme Meldestelle für Parteipolitik in Schulen ein.

Angst, politische Themen zu unterrichten, sei unter Politiklehrern genau so verbreitet wie politisch eingeschätzt zu werden, sagt Philipp Mittnik, Leiter des Zentrums für Politische Bildung an der Pädagogischen Hochschule in Wien. Mittnik arbeitet in der Lehrerausbildung und unterrichtete selbst lange Politische Bildung. Der Fall aus Linz hätte die Unsicherheit unter den Lehrern verstärkt. "Die FPÖ hat das erreicht, was sie wollte", sagt Mittnik. "Sehr viele Lehrer und Direktoren holen sich keine Politiker mehr in die Schule, weil sie Angst haben, am nächsten Tag in der Zeitung zu stehen." Die Meldestelle, die die Freiheitlichen eingerichtet haben, bezeichnet er als "Vernaderungsaktion". Das sei eine politische Vereinnahmung der Schule. Nicht der Fall Rammerstorfer.

"Aus guten Gründen
kein Neutralitätsgebot"

Die FPÖ wolle zeigen, dass die Lehrerschaft links stehe. "Das ist lachhaft", so Mittnik. "Wenn man sich die Dienststellenvertretungswahlen der Gymnasien ansieht, erkennt man, dass sich die Lehrer dort mehrheitlich zu ÖVP-nahen Listen bekennen." Unter den Lehrern der Neuen Mittelschulen, bekennend rot, wandle sich das vereinzelt Richtung Blau.

Politische Bildung ist in Gymnasien und NMS Teil des Geschichtsunterrichts und soll zusätzlich als Unterrichtsprinzip in allen Fächern vorkommen. Ob das passiert, hängt mitunter vom Willen des Lehrers ab. Oft fehle die Zeit, Politik im Unterricht unterzubringen, entgegnen diese. Dass Politik zu kurz kommt, scheint aber durchaus damit zusammenzuhängen, dass Geschichte ein Teilfach ist. Eine Studie des Zentrums für Politische Bildung aus dem Jahr 2014, bei der alle Matura-Aufgaben in Wiens Schulen untersucht wurden, zeigt: Nur 0,9 Prozent der Fragen fokussierten sich auf das Wissen in der Politischen Bildung. Im vergangenen Jahr wurden deshalb Pflichtmodule ab der 6. Schulstufe in den Geschichtsunterricht in AHS und NMS integriert, um mehr Politik in die Klassenzimmer zu bringen. Berufsschulen sind die einzige Schulform, an der Politische Bildung ein eigenes Fach ist.

Wer sagt, Parteipolitik habe in der Schule nichts verloren, liege in Bezug auf die Politische Bildung falsch, sagt Stefan Schmid-Heher. Er ist für Aus- und Weiterbildung der Berufsschullehrer im Zentrum für Politische Bildung zuständig und ein Kollege Mittniks. "Wenn man sich in Politischer Bildung nicht mit Parteien beschäftigen würde, wäre das wie Deutsch ohne Satzzeichen", sagt er. Was er von Lehrerkollegen oft hört, ist, dass sie das selbst gesteckte Ziel vertreten, "objektiv und neutral" zu sein. Es gebe aber aus guten Gründen kein Neutralitätsgebot in der Politischen Bildung, sagt Schmid-Heher. "Weil es nicht möglich ist."

Österreich fehlt
mitunter die Entwicklung

"Der Lehrplan sieht vor, dass Lehrer ihre Schüler dabei unterstützen sollen, eine kritische Persönlichkeit und ein eigenes Urteil zu entwickeln", sagt er. "Da kann ich mich im Gegenzug nicht immer enthalten". Eine Lehrerin hätte ihm einmal gesagt, die Konflikte zwischen Serbien und dem Kosovo könne sie im Unterricht nicht aufgreifen, weil Schüler aus jenen Ländern in der Klasse sitzen. "Man kann nicht davon ausgehen, dass Schüler immer unbehelligt von politischen Konflikten leben, nur weil sie im Unterricht nicht eingebracht werden", sagt Schmid-Heher. Lehrer können und sollen Meinungen einbringen, um Perspektiven zu schaffen, nicht aber um sie den Schülern aufdrängen. Dafür gebe es aber ohnehin klare Gesetze. Der Ausbildner konstatiert manchen Kollegen schlicht Scheu vor Kontroversen.


weiterlesen auf Seite 2 von 2




5 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-20 17:39:09
Letzte ńnderung am 2017-09-21 10:56:29



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Jedes sechste Kind kann kaum lesen
  2. Zum zweiten Mal steht eine Frau an der Spitze der Rektoren
  3. Beschränkung bringt andere soziale Zusammensetzung
  4. Uniko-Chef Oliver Vitouch stellt sich nicht mehr Wiederwahl
  5. Leseleistung der Volksschüler verbessert sich wieder
Meistkommentiert
  1. Jedes sechste Kind kann kaum lesen
  2. Leseleistung der Volksschüler verbessert sich wieder

Werbung




Werbung


Werbung