• vom 14.05.2012, 17:31 Uhr

Schule aktuell

Update: 14.05.2012, 17:44 Uhr
  • Artikel
  • Lesenswert (1)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Forscher diskutieren über den Umgang mit Vielfalt in der Schule

Wider den Einheitsbrei


Von Katharina Schmidt

  • In einer Schulklasse Unterschiede bei Leistung von bis zu sechs Jahrgängen.

Schulklassen sind nicht homogen. Schüler brauchen unterschiedliche Förderung. - © APA/HELMUT FOHRINGER

Schulklassen sind nicht homogen. Schüler brauchen unterschiedliche Förderung. © APA/HELMUT FOHRINGER

Wien. "Früchtchen seid ihr, und Spalierobst sollt ihr werden", schrieb einst Erich Kästner in seiner Ansprache zum Schulbeginn. Diese Vorstellung - dass es einen Prototyp des Schülers gibt - sei im österreichischen Schulwesen immer noch fest verankert, von der Realität aber schon längst überholt worden. Das ist die zentrale Aussage einer hochkarätig besetzten zweitägigen Konferenz der Österreichischen Forschungsgemeinschaft zum Thema "Umgang mit Vielfalt im Bildungswesen", die am Montag in Wien begonnen hat. "Das Schulwesen ist sehr stark auf Homogenität, auf den durchschnittlichen Schüler ausgerichtet", sagte die Bildungsforscherin Christiane Spiel. Das beginne schon damit, dass die Schüler eine wesentlich heterogenere Gruppe darstellten als das Lehrpersonal.

Werbung

Auch in Sachen Datenlage gibt es große Lücken. So verfügt die Statistik Austria lediglich über Daten zu Migrationshintergrund und Geschlecht der Schüler - mit den bekannten Ergebnissen: Rund 20 Prozent der Schüler in Österreich haben eine andere Muttersprache als Deutsch (davon hat nur die Hälfte nicht die österreichische Staatsbürgerschaft). Mädchen schließen häufiger eine höhere Schule ab als Burschen. Zu wenig Zahlen gibt es allerdings zum sozioökonomischen Hintergrund der Schüler, wie Demograf Bilal Barakat von der Akademie der Wissenschaften beklagte. Auch die Begabungen der Schüler würden von den Statistikern nicht abgefragt.

Nationalstaatsgedanke zu sehr im Vordergrund
Dass die Schule - vor allem beim Migrationshintergrund - zu stark auf die Defizite der Kinder fokussiere, kritisierte auch die Hamburger Bildungsforscherin Ingrid Gogolin. "Die Schule baut auf jener im Nationalstaat des 19. Jahrhunderts auf", sagte sie. Ziel einer zeitgemäßen Schule müsse es sein, "Begabungen abseits vom Normalfall" zu suchen.

Auf die Vorzüge des Individualunterrichts gegenüber dem Unterricht im Klassenverband wies Albert Ziegler, pädagogischer Psychologe an der Universität Nürnberg, hin: Wenn man einen durchschnittlichen Schüler einzeln unterrichtet, gehört er innerhalb eines halben Jahres zu den besten zwei Prozent der Klasse. Ziel müsse es daher sein, alle Schüler innerhalb des Klassenverbands so zu fördern, als erhielten sie Einzelunterricht.

Hoher Bedarf an Individualisierung
Die Ausgangslage dafür ist nicht gerade einfach. Schließlich seien die Leistungsunterschiede "enorm", sagte Ziegler. Im Rahmen einer Studie stellte sich etwa heraus, dass nur zwei von 20 Kindern der sechsten Stufe einen altersadäquaten Intelligenzquotienten aufweisen. Gar 40 Prozent der Kinder waren entweder drei Jahre in der Entwicklung zurück oder drei Jahre weiter vorne. Nach einer Sonderauswertung der deutschen Pisa-Ergebnisse sind die Schüler eines Jahrgangs leistungsmäßig auf fünf bis sechs Schuljahre verteilt. Für Ziegler ist damit klar, dass "der Individualisierungsbedarf viel höher ist, als wir uns das vorgestellt haben".

Um diese Unterschiede auszugleichen, hat Ziegler eine lange Wunschliste an die Politik: Etwa dürften Unterschiede zwischen den Kindern nicht so sehr am Migrationshintergrund als am individuellen Lernkapital festgemacht werden. Auch wünscht sich der Experte eine bessere Lehrerausbildung bei gleichzeitiger höherer sozialer Anerkennung.

Im Unterricht müsse stärker differenziert werden - allerdings sieht er es auch als Aufgabe der Gesellschaft an, die Unterschiede zwischen den einzelnen Schülern zu vermindern. Also doch wieder Spalierobst.




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-05-14 17:38:14
Letzte Änderung am 2012-05-14 17:44:52


Beliebte Inhalte



Die Studentenvertreter mussten lange warten. An der Uni Linz und an der TU Graz wurde äußerst langsam gezählt. - apaWeb - Neubauer
  • Das letzte Viertel der 100 Sitze bestimmen Studenten der Fachhochschulen und Pädagogischen Hochschulen.
  • weiter

Auch wenn Teilergebnisse gefeiert wurden, das Gesamtergebnis verursacht bei den meisten Fraktionen eher Katerstimmung. - APAweb / Herbert Neubauer
  • Mandatsgewinne vor allem für kleiner Gruppierungen
  • TU Graz schaffte Auszählung nicht
  • weiter

Erhöhte Radioaktivität wurde bei der "Alten Chemie" der Universität Innsbruck gemessen. - APAweb / dpa, Marc Müller
  • Ursache vorerst unklar - Mitarbeiter waren laut Verantwortlichen nicht betroffen.
  • weiter

Ergänzen sich gut als Interessensvertreter der Hotellerie: die Wienerin Michaela Reitterer und der Vorarlberger Gregor Hoch. - M. Hetzmannseder
  • Lehrlinge, Steuern, Online-Vertrieb: ein Anliegen des neuen Präsidentenduos der Hoteliervereinigung.
  • weiter

Die einen jubelten, die anderen verhielten sich ruhig. - apaWeb - Neubauer
  • Grüne für Café Rosa abgestraft
  • weiter

Volksschulwand vorher (links) und nachher (rechts) - Bild: Andreas Praefcke An einer Volksschule in Wien mussten nach dem Protest der Mutter einer Schülerin die Kreuze in allen Klassenzimmern entfernt werden...weiter

Auch wenn Teilergebnisse gefeiert wurden, das Gesamtergebnis verursacht bei den meisten Fraktionen eher Katerstimmung. - APAweb / Herbert Neubauer
  • Mandatsgewinne vor allem für kleiner Gruppierungen
  • TU Graz schaffte Auszählung nicht
  • weiter

 - Screenshot /zeitgeschichte.oeh.ac.at
  • Ergebnisse des ÖH-Projekts, Buchpräsentation am Montag
  • weiter

Studierende und drei Lehrende (links) diskutierten über ihre Forschungsergebnisse zu der Geschichte der Hochschulen, moderiert hat "WZ"Redakteurin Bettina Figl (Mitte). - Birgit Buresch
  • "Monsterprojekt" der ÖH über NS-Zeit an den österreichischen Universitäten.
  • weiter

Geht es hier zur Wahlkabine? Die Wahlbeteiligung dürfte auch heuer eher gering ausfallen. Im Bild: Das Hauptgebäude der Universität Wien. - Stanislav Jenis
  • ÖH-Wahl: Je nach Uni reges Treiben oder gähnende Leere.
  • weiter




Werbung




Frankreich: Amandine Bourgeois - "L'enfer et moi"

Der Teil einer Installation des pakistanischen Künstlers von Imran Qureshi im Metropolitan Museum in New York. Die letzten Stufen werden noch eingekleidet, und dann kanns los gehen:

18. 5. 2013: Ein lesbisches Paar in Myanmar: Der "Internationale Tag gegen Homophobie" geriet weltweit zu einem bunten und eindringlichen Protest gegen Diskriminierung. Noch herrscht auf der Croisette vor dem Palais des Festivals in Cannes die Ruhe vor dem Sturm.

Werbung