• vom 08.07.2014, 18:30 Uhr

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Update: 18.08.2014, 12:52 Uhr

Pentagon-Gelder

US-Militär lässt an Österreichs Universitäten forschen




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Von Bettina Figl und Benedikt Strunz

  • Wissenschafter fordern öffentliche Debatte, Grüne kündigen parlamentarische Anfrage an - Mit interaktiver Grafik

- © epa/Dennis M. Sabangan

© epa/Dennis M. Sabangan

Wien. Im neutralen Österreich wird universitäre Forschung vom Pentagon bezahlt. Rund 8,8 Millionen Euro haben österreichische Universitäten und die ebenfalls öffentliche Akademie der Wissenschaften (ÖAW) seit 2009 vom US-Verteidigungsministerium erhalten. An fast allen großen österreichischen Unis kooperieren Forschungsteams mit dem US-Militär, ergab die Datenerhebung der "Wiener Zeitung" in Zusammenarbeit mit dem Radiosender NDR Info. Oft kommt das Geld für die Forschung von der Air Force, der US-Luftwaffe.

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Insgesamt haben die österreichischen Universitäten im Jahr 2013 fast 600 Millionen Euro Drittmittel erhalten, davon kamen 155 Millionen Euro von Unternehmen, 23 Millionen Euro von Stiftungen und Vereinen, der Rest öffentliche Fördergeber wie FWF, FFG oder EU. Das Wissenschaftsministerium hat 2013 rund drei Milliarden Euro für Lehre und Forschung aufgewandt. Eine andere Dimension hat das Budget des Pentagons: Im Jahr 2013 betrug das Gesamtbudget 370 Milliarden Dollar, davon etwa 70 Milliarden Dollar pro Jahr für Forschung und Entwicklung.

Bericht von NDR Info:
Auch NDR Info hat über die vom US-Pentagon bezahlten Forschungsprojekte in Österreich berichtet.

In Deutschland hat die Berichterstattung des NDR und der Süddeutschen Zeitung im Vorjahr eine Debatte über mehr Transparenz bei Drittmittelprojekten ausgelöst.

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Eine Vielzahl der in Österreich vom Pentagon finanzierten Projekte fallen in den Bereich der Quantenforschung. Auch der Physiker Philip Walther von der Uni Wien forscht in diesem Feld. Mit diesen "Supercomputern" sollen mathematische Rechnungen lösbar werden, an denen herkömmliche Computer bisher scheitern. Etwa im Bereich der Kryptografie: Diese kann sowohl zur Verschlüsselung als auch zum Ausforschen von Daten genutzt werden. Sie sind deshalb nicht zuletzt für Geheimdienste wie die NSA interessant. Finanziert werden die Projekte von der US-Luftwaffe, genauer gesagt dem dort angesiedelten Forschungsprogramm, dem Air Force Defense Research Sciences Programm. Auf diesem Wege hat Walther in den vergangenen Jahren 500.000 Euro erhalten; damit hat er Laser, Linsen und Mikroskope, aber auch die Gehälter seiner 16 Mitarbeiter bezahlt.

Mit 5,4 Millionen Euro hat der Genetiker Josef Penninger den Großteil der Pentagon-Fördergelder erhalten; das Geld floss in seine Brustkrebsforschung. Von den Ergebnissen würden nicht nur Soldatinnen und Soldaten und deren Angehörige profitieren, sondern auch die Zivilbevölkerung, sagt Franziskus von Kerssenbrock von der ÖAW. "In den USA wird Forschung nicht nur durch das Wissenschaftsministerium finanziert, sondern durch große Institutionen. Das US-Verteidigungsministerium hat nun einmal das meiste Geld und sieht seine Rolle nicht nur darin, Waffen zu erforschen, sondern gesamtgesellschaftlich", so Kerssenbrock.

Die Unis betonen, sie würden lediglich im Bereich der Grundlagenforschung arbeiten und keine Rüstungsforschung betreiben. "Jeder, der sich in der internationalen Forschungsförderung auskennt, weiß, dass in vielen westlichen Ländern ein wesentlicher Teil der frei verfügbaren Grundlagenforschung aus Forschungsfonds des Militärs finanziert wird", schreibt etwa die Universität für Bodenkultur (Boku) in einer schriftlichen Stellungnahme.

Interaktive Grafik: Für Details mit der Maus über die Kreise fahren.

Ausgaben in Österreich, die vom Pentagon bezahlt werden Akademie der Wissenschaften: Euro 5.631.425 Leopold Franzens Universität Innsbruck: Euro 1.260.830,76 Universität für Bodenkultur: Euro 949.788 Universität Wien: Euro 494.214 Medizinische Universität Wien: Euro 351.637 Technische Universität Wien: Euro 58.800 Tagungen: Euro 47.775 Akademie der Wissenschaften: Euro 5.631.425 Leopold Franzens Universität Innsbruck: Euro 1.260.830,76 Universität für Bodenkultur: Euro 949.788 Universität Wien: Euro 494.214 Medizinische Universität Wien: Euro 351.637 Technische Universität Wien: Euro 58.800 Tagungen: Euro 47.775

Sowohl Wissenschafter als auch Politiker sehen das offenbar anders. Wolfgang Liebert, Leiter des Instituts für Sicherheits- und Risikowissenschaften an der Boku, reagierte auf die Anfrage der "Wiener Zeitung" völlig überrascht: "Ich dachte, es sei tabu, von US-Militärquellen Geld anzunehmen. Da habe ich mich wohl getäuscht." Nach Sichtung der Liste mit den Projekttiteln* sagt er: "Für mich steht keineswegs fest, dass es sich bei den Projekten nur um Grundlagenforschung handelt, denn in der modernen Techno-Wissenschaft kann Grundlagen- und Anwendungsforschung nicht mehr getrennt werden, genauso wenig wie gesagt werden kann, das ist nur militärische oder nur zivile Forschung." Besonders verblüfft habe ihn, "dass das in einem neutralen Land wie Österreich von den Forschern überhaupt nicht als Problem gesehen wird". Die Dual-Use-Forschung, wonach militärische Forschung immer auch zivile Zwecke bedient und umgekehrt, sieht er als Konzept, mit dem bewusst Grauzonen geschaffen würden. Auch wenn die Forschungsergebnisse nicht direkt für militärische Zwecke verwendet werden, müsse gesehen werden, dass sich die Absichten der Forscher von jenen der Geldgeber unterscheiden. Auch Peter Weish, ebenfalls Boku, ist von den militärischen Geldgebern "sehr überrascht, weil man davon in der Öffentlichkeit gar nichts wahrnimmt". Für den Naturwissenschafter ist militärische Forschung "die bedenklichste Art der Forschung", er sagt: "Auch die Atombombe war Grundlagenforschung. Das als unverdächtig hinzustellen, halte ich für nicht gerechtfertig."

Im November 2013 hatten NDR Info und die "Süddeutsche Zeitung" berichtet, dass das Pentagon deutsche Hochschulen und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen finanziell unterstützt. Seit 2010 waren es etwa zehn Millionen Dollar, die in Grundlagen- und Dual-Use-Forschung flossen. Zum Teil betrieben Lehrstühle aber auch anwendungsorientierte Rüstungsforschung: In München wurde an der Verbesserung von Sprengstoffen, in Marburg die Navigation von Drohnen und präzisionsgelenkter Munition geforscht, und in Freiburg wurden neuartige Raketen-Gefechtsköpfe erprobt. Im Gegensatz zu Österreich ist Deutschland Mitglied des Verteidigungsbündnisses Nato.

"In Wissenschaftskreisen hat ein Umdenken stattgefunden, dass es neben FWF und EU noch andere Fördergeber gibt", sagt der Quantenphysiker Walther. "Es handelt sich dabei um absolut sauberes Geld, ohne Auflagen, ohne Limitierungen. Die Rechte sind nicht an die Air Force gebunden", und: "Jeder Euro, den wir von der Air Force bekommen, fließt nicht in echte militärische Auftragsforschung." Während seine Geräte von der Luftwaffe bezahlt werden, benutzt sein Team die öffentlichen Räumlichkeiten der Universität mit.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2014-07-08 17:26:07
Letzte nderung am 2014-08-18 12:52:10



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