• vom 22.08.2014, 10:43 Uhr

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Update: 25.08.2014, 16:25 Uhr

Interview

"Frauen können auch Faschistinnen sein"




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Von Bettina Figl

  • Tiina Rosenberg, Gründerin der feministischen Partei in Schweden, will sich nicht mit Frauen wie Marine Le Pen solidarisieren.
  • Gemeinsam mit Martin J. Gössl spricht sie im Interview über Queer-Feminismus und Bubenarbeit, Arbeiterkinder und das diskriminierende Schulsystem in Österreich sowie über Studiengebühren im Zeitalter des Postkolonialismus.

Queer-Feministen unter sich: Tiina Rosenberg und Martin J. Gössl. - © Luiza Puiu

Queer-Feministen unter sich: Tiina Rosenberg und Martin J. Gössl. © Luiza Puiu

Tiina Rosenberg und Martin J. Gössl beim Interview mit  der "Wiener Zeitung".

Tiina Rosenberg und Martin J. Gössl beim Interview mit  der "Wiener Zeitung".© Luiza Puiu Tiina Rosenberg und Martin J. Gössl beim Interview mit  der "Wiener Zeitung".© Luiza Puiu

"Wiener Zeitung": Was fehlt Ihnen bisher an den Diskussionen beim Europäischen Forum Alpbach?

Tiina Rosenberg: Bis jetzt hat niemand über Arbeiterkinder gesprochen. Ich bin immer erstaunt, wenn Menschen sagen, es gäbe keine gesellschaftliche Klassen mehr. Doch sehen wir uns das Schulsystem in Deutschland oder Österreich an: Dass man sich im Alter von zehn Jahren zwischen Hauptschule (oder Neuer Mittelschule, Anm.) und Gymnasium entscheiden muss, ist diskriminierend. An ersterem werden Jugendliche für den Alltag ausgebildet, an akademischen Gymnasien wird ihnen Allgemeinbildung vermittelt. Sie wissen, wo sie nachsehen, wenn sie etwas nicht wissen.

Information

Martin J. Gössl, Jahrgang  1983, ist Gleichstellungsbeauftragter an der FH Joanneum in Graz.

Tiina Rosenberg, Jahrgang 1958, ist Rektorin der Kunstuniversität Helsinki und war Mitbegründerin der feministischen Partei "Feministische Initiative" in Schweden.

Gemeinsam mit Julia Freidl vom ÖH-Vorsitzteam haben sie beim Europäischen Forum Alpbach über die Bedeutung des Geschlechts an Hochschulen diskutiert.


"Kinder sind eine Verantwortung für den Staat" sagt Tiina Rosenberg, und fordert 24-Stunden-Kindergärten. Mit ihr am Podium: Moderator Rainer Nowak, Julia Freidl vom ÖH-Vorsitzteam und Martin J. Gössl (v.l.n.r.).

"Kinder sind eine Verantwortung für den Staat" sagt Tiina Rosenberg, und fordert 24-Stunden-Kindergärten. Mit ihr am Podium: Moderator Rainer Nowak, Julia Freidl vom ÖH-Vorsitzteam und Martin J. Gössl (v.l.n.r.).© Luiza Puiu "Kinder sind eine Verantwortung für den Staat" sagt Tiina Rosenberg, und fordert 24-Stunden-Kindergärten. Mit ihr am Podium: Moderator Rainer Nowak, Julia Freidl vom ÖH-Vorsitzteam und Martin J. Gössl (v.l.n.r.).© Luiza Puiu

In Deutschland hat sich die Zahl der Akademiker in der Bevölkerung mit türkischen Wurzeln seit  den 1960er-Jahren nicht verändert, und ich gehe davon aus, dass das in Österreich nicht viel anders ist. Dadurch wird die türkische Minderheit proletarisiert. In den nordischen Ländern gibt  es die gemeinsame Schule seit den 1970er-Jahren. Klassenunterschiede gibt es auch in den skandinavischen Ländern nach wie vor, aber die Arbeiterkinder werden Ingenieure oder Juristen.


Martin J. Gössl: Sie ergreifen Berufe, die standfester sind. Fachhochschulen (FH) sind attraktiver, da es fixe Studienplätze gibt, man weiß, wann man fertig wird, das habe ich an der Universität nicht. FH-Studienpläne sind außerdem genau auf ein Berufsbild ausgerichtet.

Rosenberg: Es ist auch eine Frage der akademischen Kultur: Arbeiterkinder, die nicht Skifahren oder Tennisspielen, fühlen sich an der Universität oft unwohl.

Gössl: Das ist wie eine Sprache, die nicht erlernt wurde.

Rosenberg: Sie haben vielleicht auch Angst und gehen deshalb lieber an eine FH. Der Staat denkt an Arbeiterkinder nicht als potenzielle Intellektuelle der Zukunft. Das ist eine politische Frage, deswegen können wir nicht eine elitäre Diskussion führen, die sich immer nur um Innovation dreht. Ausbildung ist eine akademische, aber auch eine demokratische Frage der freien und staatsfinanzierten Ausbildung, die einer aktiven Demokratie dient.

Zum Thema Studiengebühren: Der Hochschulexperte John Daniel meint, bildungsferne Menschen würden durch den kostenlosen Hochschulzugang abgeschreckt, da sie der Meinung sind, Gratis-Bildung hätte keinen Wert.

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Dokument erstellt am 2014-08-22 10:44:48
Letzte nderung am 2014-08-25 16:25:05



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