• vom 20.01.2015, 09:00 Uhr

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Update: 27.01.2015, 16:28 Uhr

Depression

Die Absolventen der Traurigkeit




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Von Stephanie de la Barra

  • Immer mehr Studierende leiden unter psychischen Beschwerden, darunter auch Depressionen.

Jasper P. ist bei weitem nicht der Einzige. Laut einer Studie haben 45 Prozent der Studierenden psychische Beschwerden.

Jasper P. ist bei weitem nicht der Einzige. Laut einer Studie haben 45 Prozent der Studierenden psychische Beschwerden.© Luiza Puiu Jasper P. ist bei weitem nicht der Einzige. Laut einer Studie haben 45 Prozent der Studierenden psychische Beschwerden.© Luiza Puiu

Wien. Er bemerkte die Depression in seinem Zimmer. Jasper P. war in seiner WG und starrte auf die Uhr. 13.30 Uhr, Sonntag. Seit Stunden war nichts passiert. Sein Mitbewohner war nicht zu Hause. Die Freundin hatte ihn verlassen. Er ging im Zimmer auf und ab. Zuerst langsam, dann schneller. Blick auf die Uhr. Er legte sich aufs Sofa, dann auf den Boden, und fand keine Position, keine Ruhe. Panisch rollte er von einer Seite auf die andere. Erst, als er sich so fest in den Finger biss, wie er nur konnte, bemerkte er, dass etwas mit ihm nicht stimmte. "Es war so leer in mir, dass ich wieder etwas spüren wollte, egal was, und wenn es Schmerz ist", sagt Jasper P. heute.

Jasper P. (Name geändert), ist 25 Jahre alt, studiert Anglistik und Sportwissenschaften auf Lehramt an der Uni Wien und ist depressiv. Manchmal bekommt er auch Panik, wie an jenem Sonntag. Wie ihm geht es vielen Studierenden in Österreich, die mit Lernstress, Leistungsdruck und persönlichen Problemen nicht zurechtkommen. Woran liegt das? Sind das die Auswüchse unserer Leistungsgesellschaft?


Die Depression ist in westlichen Ländern längst zur Volkskrankheit geworden. Die Weltgesundheitsorganisation WHO prognostiziert für 2020, dass Depressionen als lebenseinschränkende Erkrankung weltweit den zweiten Rang einnehmen wird.

Dass aber auch jene stark betroffen sind, die gemeinhin als "Partymenschen" gelten, nämlich Studierende, ist vielleicht noch nicht so sehr in den Köpfen angekommen. Laut der Studierenden-Sozialerhebung von 2011 gaben 45 Prozent der befragten Studierenden an, psychische Beschwerden zu haben. Darunter fallen: Leistungsdruck und Versagensängste, Existenzängste, Konkurrenzdruck, mangelndes Selbstwertgefühl, soziale Isolation und depressive Stimmungen. Wobei die Symptome oft ineinander greifen. Wer viel lernt, oft zu Hause ist, dessen soziale Kontakte reißen ab. Isolation kann die Folge sein. Es ist ein Teufelskreis aus Überlastung und Einsamkeit, der in eine depressive Stimmung führen kann. Bis die Lage kippt und der eigene Lebensweg in Frage gestellt wird. Manchmal auch das eigene Leben.

Jasper P. weiß das nur zu gut. Er sitzt bei einem Großen Braunen in einem Café in der Nähe der Margaretenstraße im 4. Bezirk, als er seine Geschichte erzählt. Zu Beginn war er nur etwas niedergeschlagen, vielleicht ein bisschen müde. Kommt ja vor. Dann fühlte er sich unwohl in Gesellschaft, zog sich zurück, in sein Innerstes. "Dann kam der Tiefpunkt", sagt Jasper P. und spricht etwas leiser. Er erinnert sich, wie er mit der U-Bahnlinie U6 fuhr. Neben ihm laute Kinder und Menschen, die zur Arbeit fuhren, die irgendeinem Ziel nachhetzten, die vielleicht sogar glaubten, einen Sinn im Leben gefunden zu haben, den er nicht sehen konnte. Unter ihm nur Wasser. Keine Menschen, keine Gedanken. "Da dachte ich zum ersten Mal, was wäre wenn."

Heute ist er froh, dass es bei dem Gedanken geblieben ist. "Da wusste ich, dass ich Hilfe brauche", sagt Jasper. Seine Worte klingen wie eine Anleitung zum Unglücklichsein, die er sich täglich vorsagte und nicht mehr vergessen konnte. Du schaffst das Studium nicht. Du bist nichts wert. "Ich war wie gefangen in meinen Gedanken, aber ohne Gefühle. Irgendwann war die Traurigkeit so groß, dass ich gar nichts mehr fühlte", sagt er. Es wurde ihm alles zu viel, die Trennung von seiner Freundin, der Lernstress, die Unsicherheit, ob er überhaupt das Richtige studierte. "Ich habe alles in Frage gestellt." Wozu noch Saxophon spielen? Wozu Lehrer werden? Wozu das alles?

Sexuelle Lustlosigkeit
und Schlafstörungen

Mehr als zwei Wochen muss dieser Zustand anhalten, um wahrscheinlich von einer Depression sprechen zu können, steht auf der Homepage der "Psychologischen Studentenberatung", die vor allem bei Fragen zur Studienwahl, Lernschwierigkeiten und Prüfungsangst unterstützt. Aber eben auch bei Depressionen. Zu finden unter der unscheinbaren Rubrik "persönliche Probleme". Eine Art Checkliste für Studierende soll helfen, Symptome selbst zu erkennen. Hoffnungslosigkeit. Schlafstörungen. Sexuelle Lustlosigkeit. Schuldgefühle. Das sind nur einige davon.

18 Psychologen arbeiten in der Beratungsstelle und können direkt während der Öffnungszeiten oder nach Terminvereinbarung aufgesucht werden. Im Normalfall sind es 30 Neuzugänge pro Woche, im Wintersemester sind es 40 bis 50. Herbst-Winter-Depression heißt das im Fachjargon. Das AKH Wien hat sogar eine eigene Ambulanz dafür. "Bei 50 Neuzugängen in der Herbstwinterzeit kommen anteilsmäßig sicher bis zu 60 Prozent mit psychischen Problemen zu uns. Die Hälfte davon sind Depressionen", sagt Franz Oberlehner, Leiter der Psychologischen Beratungsstelle. Er sitzt in einem Besprechungszimmer der Einrichtung, neben ihm ein Sofa, ganz im Sinne Freuds. Die Taschentücher griffbereit. Natürlich könne die Beratungsstelle immer nur ein erster Anlaufpunkt sein, eine Vermittlungsrolle einnehmen und gegebenenfalls zu einer Therapie motivieren, so Oberlehner. "Langfristige Psychotherapien selbst anbieten können wir nicht, das würde unsere Kapazitäten völlig überfordern."

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Schlagwörter

Depression, Studierende, Uni Wien

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Dokument erstellt am 2015-01-19 16:56:05
Letzte Änderung am 2015-01-27 16:28:22



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