• vom 20.03.2015, 07:57 Uhr

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Update: 22.03.2015, 12:55 Uhr

Universitäten

Die Lehre in Zeiten des Jubilierens




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Von Eva Stanzl

  • Exzellente Leistung bei suboptimalen Arbeitsbedingungen: Zwei Drittel des akademischen Personals an der Uni Wien haben nur befristete Verträge. Das schadet dem Karriereweg, den Studierenden und der Qualität.

Die Resignation einer Generation drückt dieses Bild von einem Aufnahmetest an der Medizinuni Wien aus: Wer eine akademische Karriere anstrebt, hat kaum Chancen auf einen fixen Job.

Die Resignation einer Generation drückt dieses Bild von einem Aufnahmetest an der Medizinuni Wien aus: Wer eine akademische Karriere anstrebt, hat kaum Chancen auf einen fixen Job.© apa/ Schlager Die Resignation einer Generation drückt dieses Bild von einem Aufnahmetest an der Medizinuni Wien aus: Wer eine akademische Karriere anstrebt, hat kaum Chancen auf einen fixen Job.© apa/ Schlager

Wien. Die Aktion verdeutlichte Klassenunterschiede: Während im Festsaal der Universität Wien Rektoren und Hochschulprofessoren in Talaren und Baretten den 650. Jahrestag der Alma Mater Rudolphina feierten, schenkte vor den Toren des Hauptgebäudes eine ansehnliche Menge an akademischem Personal Suppe aus. "Prekärsuppe" nannte die IG Externe LektorInnen und Freie WissenschaftlerInnen (IG elf) die Aktionsbrühe, als sie das Jubiläum am 12. März zum Anlass nahmen, um auf ihre Arbeitsbedingungen aufmerksam zu machen: Würde man nur einen Teil des Budgets für die bis Oktober angesetzten Jubelveranstaltungen dafür einsetzen, befristete Uni-Anstellungen in unbefristete Posten umzuwandeln, wäre schon viel getan.

Doch die Praxis ist anders: "Selbst für hochqualifizierte Studienabgänger und Studienabgängerinnen wird nur eine äußerst beschränkte Anzahl an unbefristeten Stellen ausgeschrieben", sagt Anna Babka, assoziierte Professorin am Institut für Germanistik und Betriebsrätin der Universität Wien. Etwa 70 Prozent des akademischen Personals der mit insgesamt 10.000 Mitarbeitern und 93.000 Studierenden größten Hochschule im deutschsprachigen Raum arbeiten auf der Basis von befristeten Dienstverträgen. Was die Fluktuation erhöht, die Abwanderung heimischer Expertise ins Ausland zur Folge hat, letztlich der Lehre schadet, die Qualität mindert und Positionen in Uni-Rankings kostet.


Ein Jahr Zwangspause
Das System kann in groben Zügen so beschrieben werden: Ein junger Mensch schließt sein Studium mit einem Master ab und bekommt eine Stelle als Doktorand (Predoc). Doktoratsstellen sind für vier Jahre angesetzt, eine Postdoc-Stelle kann aber nicht angeschlossen werden, weil aufgrund der Kettenvertragsregelung nur sechs Jahre am Stück gearbeitet werden darf. Wer nicht "entfristet" wird, wie es im Fachjargon heißt, muss ein Jahr Zwangspause einlegen. Erst danach kann er - wenn er sein Doktorat abschließt, eine Stelle als Postdoc bekommt oder einen Drittmittelposten einwirbt - einen weiteren befristeten Vertrag unterzeichnen. "Wir schicken hochqualifizierte Leute, die wir ausgebildet haben, weg, statt alles zu tun, um sie zu behalten", sagt Babka.

Noch etwas weiter am Rand stehen rund 2700 Lektorinnen und Lektoren mit jeweils auf ein Semester befristeten Lehraufträgen. "Diese Hundertscharen von Lehrbeauftragten, die Jahr und Tag unterrichten und somit das System eigentlich aufrecht erhalten, sind in ohne Planungssicherheit in Kettenverträgen gefangen, mit denen sie oft ihre eigene Forschung finanzieren", so Babka.

Zwei Mal im Jahr endet der Dienstvertrag und wird die Sozialversicherung abgemeldet, und beides wird dann sogleich wieder erneuert und angemeldet. Das Prozedere ist eine Formalität. Dennoch wirkt die alljährlich vorgeschriebene Meldepflicht für Ausländer in immigrationspolitisch restriktiven angloamerikanischen Staaten im Vergleich dazu wie das Einlaufen im Heimathafen. Denn dort kann bleiben, wer eine Arbeitsgenehmigung hat. Externe Lektoren in Österreich können hingegen trotz Verträgen maximal 16 Semester bleiben, bevor sie die Lehrtätigkeit für ein Semester unterbrechen müssen.

Ist dies schon Tollheit, hat es doch Methode. In den 1980er Jahren wurde begonnen, einen größeren Anteil der Lehre über Lektoren abzudecken, weil diese Spezialwissen und Praxiserfahrung besteuern sollten. "Die Kettenverträge sollten ursprünglich den Arbeitnehmern dienen, indem sie die Unis zwingen, Experten nach einer Zeit fix anzustellen: Tun sie das nicht, verlieren sie den Lektor", erklärt die Wissenschaftssprecherin der Grünen, Sigi Maurer. Vor dem Hintergrund schrumpfender Budgets, steigenden Studierendenzahlen und der Ausgliederung der Universitäten wurden aber immer mehr Arbeitskräfte befristet beschäftigt. Maurer räumt ein: "Für all jene, die von einem anderen Hauptjob leben, ist ein kleiner Lehrauftrag sogar eine gute Lösung, eben weil er nicht lange bindet. Wer aber von mehreren Lehraufträgen in Kettenverträgen leben muss, hat es unglaublich schwer."

Angesichts dessen, dass in der Privatwirtschaft nahezu alle Jobs nach einem Probemonat in unbefristete Verträge übergehen, wirkt die universitäre Personalpolitik fast verjährt. Möglicherweise wollen sich die Hochschulen damit aber auch vor zu hohen finanziellen Verpflichtungen und ausufernden Schutzbestimmungen im Öffentlichen Dienst schützen.

Bringt Unsicherheit Erfolg?
Einige Universitätsvertreter sind der Ansicht, dass ohne Mobilität, Flexibilität und die Fähigkeit, sich woanders zu behaupten, ein akademischer Stillstand droht. "Unsicherheit stachelt zu Höchstleistungen an" betitelte der "Standard" ein viel diskutiertes Interview mit der Vize-Rektorin der Universität Wien. Susanne Weigelin-Schwiedrzik nimmt darin den Standpunkt ein, dass ein gewisses Maß an beruflicher Unsicherheit auch ein "Motor" für Erfolg sein könne, denn "mit jeder Höchstleistung gewinnt man wiederum an Sicherheit dazu."

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Schlagwörter

Universitäten, Prekariat, Jobs

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-03-20 08:02:05
Letzte ńnderung am 2015-03-22 12:55:47



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