
Wien. Ab Herbst können angehende Mathematik-, Physik-, Chemie- und Informatiklehrer nicht mehr an der Technischen Universität (TU) inskribieren. Sie müssen fortan auf die Universität Wien ausweichen, die schon bisher diese Studien angeboten hat. Diese Entscheidung macht laut Roland Fischer "absolut Sinn". Das Lehramt an beiden Universitäten anzubieten sei immer eine Doppelgleisigkeit gewesen, so der Mathematiker und Bildungsexperte zur "Wiener Zeitung".
Dass die TU Wien im kommenden Wintersemester – "Darstellende Geometrie" ausgenommen – keine neuen Lehramtsstudenten aufnehmen will, sieht Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle gelassen. "Zu meinem Problem wird es erst dann, wenn diese Maßnahme weniger Absolventen hervorbringt", sagte er am Mittwoch vor Journalisten, und weiter: "Die TU Wien kann legitimerweise sagen, dass sie keine Lehrerausbildungsstätte, sondern primär eine Ausbildungsstätte von technischen und naturwissenschaftlichen Fachkräften ist."
Er vermutet überdies geringes Einsparungspotenzial durch das Auslaufen von vier von fünf angebotenen Lehramtsfächern und vermutet, der wahre Grund sei eine angestrebte Profilschärfung der TU. Auch Fischer betont: "Die TU muss Schwerpunkte setzen. Sie kann bei der Lehrerausbildung einen Beitrag leisten, aber nicht langfristig".
Seitens der TU heißt es, die Einsparung erfolge "natürlich im Zusammenhang mit der finanziellen Situation" und spricht damit die rund 20 Millionen Euro Schulden der TU an. Die Universität habe sich einen Sparkurs verordnet und arbeite an der Stabilisierung der Finanzlage, so eine Sprecherin der TU. Wieviel durch das Wegfallen besagter Studien einzusparen sei, sei schwer zu beziffern, da sich die meisten Lehrveranstaltungen mit anderen Bachelorstudien decken.
HTU Wien: Abschaffung verschärft Lehrermangel
Die Streichung der Studien verschärfte den akuten Lehrermangel "enorm", heißt es seitens der Österreichischen Hochschülerschaft der TU (HTU). "Viele unserer Lehramtsstudenten unterrichten ohne abgeschlossenes Studium", so die HTU in einer Aussendung. "In den vergangenen Jahren ist das Interesse an den Lehramtsstudien der TU Wien wieder stark gestiegen", so Peter Dirnweber, Vertreter der Lehramtsstudierenden. Für ihn sind die Streichungen "sehr bedenklich".
Die Zukunft der Lehramtsstudien gelte es bei den bevorstehenden Leistungsvereinbarungen mit dem Wissenschaftsministerium auszudiskutieren, so die TU-Sprecherin. Derzeit sind etwa 500 Studierende im Lehramt der TU Wien eingeschrieben – sie sollen ihr Studium fortsetzen können.
Ein bildungspolitischer Dauerbrenner ist auch Bologna; die darin vereinbarten Ziele für den europäischen Hochschulraum werden am Donnerstag und Freitag bei der Bolognakonferenz in Bukarest behandelt. Österreich wird dort als eines der 47 Bologna-Länder mit einer Delegation aus Wissenschaftsministerium, Universitätenkonferenz (uniko), Fachhochschulkonferenz und Österreichischer Hochschülerschaft vertreten sein.
Am Mittwoch präsentierten sie vorab die Ergebnisse des Monitoring-Berichts, der über Österreichs Umsetzung der Bologna-Ziele Auskunft gibt.
"Bologna vielleicht nicht umsetzbar", sagt Töchterle
Eines der zentralen Bologna-Ziele ist die Dreigliedrigkeit im Hochschulsektor (Bachelor, Master, PhD).
"Blogna vielleicht nichts umsetzbar"
Und gerade hier steht Österreich – gemeinsam mit Spanien und Deutschland – nicht gut da. "In vielen Studien haben wir das dreigliedrige System nicht umgesetzt: In Jus, Medizin, Lehramt und Pharmazie. Und in manchen Studien ist es vielleicht auch nicht umsetzbar", so Töchterle. Die fehlende Akzeptanz des Bachelor-Abschlusses sieht der Minister als "österreichisches Problem". Es sei an der Zeit, Umsetzungsprobleme der unter Zeitdruck realisierten Reform zu beheben, sagte Vizerektor Martin Polaschek von der uniko. Positiv hervor hob er, dass die Lehre immer mehr in den Mittelpunkt rückt.
In Bukarest soll unter anderem eine Mobilitätsstrategie verabschiedet werden. Bis 2020 sollen 20 Prozent aller Graduierten einen Teil des Studiums im Ausland absolviert haben. Österreich hat dieses Ziel bei den Frauen bereits erreicht – bei den Männern sind es erst 17 Prozent.